Ermutigende Ansätze in der Arthroseforschung

Selbstheilungsprozesse bei Knorpelschäden

Arthrose ist weltweit die häufigste Erkrankung der Gelenke. Bei Menschen mit westlicher Lebensweise kann man davon ausgehen, dass etwa jeder vierte davon betroffen ist, wobei die Wahrscheinlichkeit, an Arthrose zu erkranken, mit zunehmendem Alter immer höher wird. Statistisch gesehen leiden drei von vier Menschen, die älter als siebzig Jahre alt sind, an Arthrose 1). Da die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland zur Zeit bei 78,6 Jahren für Männer und 83,4 Jahren für Frauen liegt2), in Österreich 3) und in der Schweiz 4) sogar noch leicht darüber, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, früher oder später selbst von dieser Erkrankung betroffen zu sein. 

Veröffentlichung

Hsueh, M. F., Önnerfjord, P., Bolognesi, M. P., Easley, M. E., & Kraus, V. B. (2019). Analysis of „old“ proteins unmasks dynamic gradient of cartilage turnover in human limbs. Science advances, 5(10), eaax3203. Externer Link Icon

Behauptung, Arthrose sei nicht heilbar, gerät immer mehr ins Wanken

Bisher gilt Arthrose als eine Krankheit, die nicht heilbar ist. Vorbeugende Maßnahmen wie regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährungsweise sollen ihr Auftreten im besten Fall verhindern. Wenn eine Arthrose diagnostiziert wurde, geht man davon aus, dass der Krankheitsverlauf durch die Gabe von Medikamenten oder der Anwendung von manuellen Therapien lediglich verzögert werden kann 5). Nun mehren sich die Forschungsansätze, die Stoffwechselprozesse untersuchen, die im Knorpelgewebe stattfinden. Dabei wurden ermutigende Erkenntnisse gewonnen.

Untersuchungen an menschlichem Knorpelgewebe

An dem Duke University Hospital in Durham, NC, USA, untersuchte eine Forschergruppe um Virginia B. Kraus menschliche Knorpelsubstanz 6). In der vorliegenden Beobachtungsstudie konnten die Forscher auf Gewebeproben zurückgreifen, die bei Operationen als Abfälle anfielen. Dabei handelte es sich um Gewebeproben von 18 verschiedenen Patienten. Die Proben wurden sowohl von gesundem Knorpelgewebe von Unfallpatienten wie auch arthritischem Knorpelgewebe entnommen. Herkunftsorte waren Hüfte, Knie und Fußgelenk. Das Alter der Patienten umfasste eine Altersspanne von 30 bis 82 Jahren.

Durch eine neue Analysetechnik konnten die Mediziner nachweisen, dass in menschlichem Knorpelgewebe durchaus Regenerationsprozesse stattfinden. Das ist ein starker Hinweis dafür, dass Arthrose grundsätzlich keine Krankheit ist, die als unheilbar gelten muss. Natürlich müssen weitere Rahmenbedingungen gegeben sein, damit Heilprozesse in Gang gesetzt werden können, die so umfangreich sind, dass eine deutliche Verbesserung des Krankheitsbildes erreicht wird.

Ursache für Regenerationsprozess dechiffriert

In der Beobachtungsstudie von 2019 stellte sich heraus, dass diese Heilprozesse im Knorpelgewebe durch sogenannte microRNA-Moleküle gesteuert werden. Interessanterweise handelt es sich bei den microRNA-Molekülen um dieselbe Molekülsorte, die bei manchen Fischen und Amphibien für Reparaturleistungen sorgen, die so erstaunlich sind, dass sie als “Wunder der Natur” bezeichnet werden. So gehören Zebrafische, Seesterne und Molche zu den Lebewesen, bei denen sogar der Verlust eines ganzen Körperteils nicht zu dauerhaften Schäden führt 7)8). Mit Hilfe der microRNA-Moleküle können sie diesen wieder vollständig nachwachsen lassen. Das weckt in der Wissenschaftsgemeinschaft eine Hoffnung, die weit über die Möglichkeit, Arthrose heilen zu können, hinausgeht. In dieser Entdeckung wird das Potenzial gesehen, eines Tages sogar ein durch Unfall oder Krankheit zerstörtes menschliches Körperteil wie einen Finger, eine Hand oder gar einen ganzen Arm nachwachsen lassen zu können. Noch ist das aber Spekulation.

Bein von Albino Axolotl, eine Art Molch, auf schwarzen Kieselsteinen

Axolotl sind Meister der Regeneration. Doch auch in menschlichem Knorpel finden Heilungsprozesse statt.
© Guillermo Guerao Serra | shutterstock.com

Fähigkeit zur Regeneration variiert je nach Gelenkart

Was das Forschungs-Team des Duke University Hospitals weiter festgestellt hat: Die Aktivität der microRNA-Moleküle unterschied sich deutlich nach der Gelenkart, in der sie vorkamen. Die besten körpereigenen Voraussetzungen für Heilungschancen bestehen demnach bei Knorpelgewebe im Sprunggelenk, gefolgt von dem im Kniegelenk. Im Hüftgelenk war die Regenerationsfähigkeit des Knorpelgewebes am geringsten ausgeprägt. Warum das so ist, konnte noch nicht eindeutig geklärt werden.

Eine weitere Erkenntnis der klinischen Studie: in erkrankten Gelenken war die Konzentration der microRNA-Moleküle deutlich höher als in gesunden. Auch das ist ein Indiz dafür, dass der menschliche Körper über Ansätze zur Selbstheilung von Arthrose besitzt. Nach den hier gewonnenen Erkenntnissen reicht dieser Regenerations-Mechanismus des Körpers allein noch nicht dafür aus, einen Heilprozess in Gang zu setzen, der zu einem deutlichen Wiederaufbau von Knorpelgewebe führt.

Ausblicke für eine Arthrose-Therapie

Die gewonnenen Erkenntnisse führen bisher zu Therapieansätzen, bei denen die microRNA-Moleküle gezielt in ein geschädigtes Gelenk eingebracht wird oder mit Hilfe dieser Moleküle gesundes Knorpelgewebe außerhalb des Körpers anzuzüchten und es in das erkrankte Gelenk zu implantieren. Und vielleicht ist es in Zukunft sogar möglich, mit Hilfe der microRNA den Körper in die Lage zu versetzen, viel mehr als nur Knorpelgewebe nachwachsen zu lassen.

Quellen & Studien

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