Bandscheibenvorfall – Wo liegen die wahren Ursachen?

Eine neue Sichtweise auf überspannte Muskeln und Faszien

Modellhaft ist eine Wirbelsäule mit einem Bandscheibenvorfall

(c) Lightspring | shutterstock.com

Der menschliche Rücken ist ein überaus komplexes Gebilde aus Knochen, Muskeln und Nervensträngen. Sein zentrales Element bildet die Wirbelsäule. Sie ist äußerst filigran aufgebaut, um vielfältige Anforderungen bewältigen zu können. Den Bandscheiben kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Was die Bandscheibe genau ist und welche Aufgabe sie erfüllt, verraten wir dir hier. Du erfährst Schritt für Schritt: Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall in deinem Körper? Welche Rolle spielen Muskeln, Faszien und das Gehirn? Und woher kommen deine Beschwerden wirklich?

🔎 Was ist eine Bandscheibe und welche Funktion hat sie?

Die menschliche Wirbelsäule besteht aus 24 freien Wirbeln, die über insgesamt 23 Bandscheiben (Discus invertebralis) verbunden sind. Diese sind viel mehr als schlichte Platzhalter: Sie funktionieren wie ein Puffer zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Sie dämpfen Stöße ab und halten der Zugwirkung der Muskeln stand.

Im gesunden Zustand funktioniert dies auf erstaunliche Art und Weise. Nehmen wir an, du sitzt auf einem Bürostuhl. Dann erzeugt das Gewicht deines Oberkörpers in den unteren Bandscheiben der Lendenwirbelsäule einen Druck von etwa 4,5 Bar – doppelt so viel wie in einem Autoreifen. Hebst du beispielsweise einen Wasserkasten an, wirkt auf die Bandscheiben eine Kraft, die einem Gewicht von 80–120 kg entspricht. In keinem anderen Gewebe deines Körpers kommt es zu höheren Spannungen! 1)

Außen robust, innen elastisch

Solche Belastungen sind jedoch nicht schädlich. Im Gegenteil: Sie sind für deine Bandscheiben sogar überlebenswichtig. Dies hängt mit ihrer Beschaffenheit zusammen: Der äußere Ring einer Bandscheibe besteht aus mehreren Schichten eigentlich reißfester Fasern. Dieser knorpelige Faserring (Anulus fibrosus) stabilisiert die Bandscheiben und heftet sich an den Wirbelkörpern an. Im Inneren liegt ein weicher Gallertkern (Nucleus pulposus), der zu 80 bis 85 Prozent aus Wasser besteht. Er sorgt dafür, dass die Bandscheibe wie ein Gel-Kissen die Druckbelastung zwischen den Wirbelkörpern abfedert.

Modellhaft ist eine Wirbelsäule mit gesunden Bandscheiben zu sehen

(c) Lightspring | shutterstock.com

Blutgefäße und Nerven gibt es im Gallertkern nicht. Nur der Faserring ist durch Nerven versorgt. Das Bandscheibengewebe versorgt sich über die umliegende Gewebe-Flüssigkeit mit Nährstoffen. Dies geschieht nach dem Schwamm-Prinzip: Wenn Druck auf die Bandscheibe ausgeübt wird, wird die Flüssigkeit aus dem Gallertkern herausgepresst. Dadurch nimmt der Wassergehalt ab. Wird sie entlastet, saugt sich der Kern wieder mit der – im besten Fall nährstoffreichen – Flüssigkeit voll.

Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall in deinem Körper?

Bei einem Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) wird der Druck auf das Bandscheibengewebe irgendwann zu groß. Die Wirbelkörper werden derart aufeinander gezogen, dass die dazwischen liegenden Bandscheiben die einwirkende Kraft nicht mehr abfangen können. In einem ersten Schritt schiebt sich der gallertartige Kern gegen den Faserring – die Bandscheibe verformt sich. Bleibt der Faserring intakt, sprechen Mediziner von einer Vorwölbung (Bandscheibenprotrusion).

Kann der äußere Faserring dem Druck nicht mehr standhalten, reißt er ein und platzt regelrecht. Dabei tritt ein Teil des Gallertkerns aus und drückt sich in die Zwischenräume des Wirbelkörpers. Es kommt zum Bandscheibenvorfall.

⚡ Woher kommen die Schmerzen?

Unsere Erfahrung zeigt Folgendes: Der Bandscheibenvorfall ist zwar eine Verletzung, aber nicht Ursache der Beschwerden. Nach unserem Verständnis entstehen die Rückenschmerzen anders. Auslöser sind muskulär- fasziale Zugkräfte, welche die Wirbelkörper mit zu viel Druck auf die Bandscheiben pressen.

Die Erklärung gilt übrigens auch für Symptome wie Kribbeln, Taubheits- oder Kältegefühl. Gerade im Gesäßbereich sind die Muskeln und Faszien oft derart überspannt, dass sie dortige Nerven und Blutgefäße abdrücken.

Nach konventioneller Meinung entstehen deine Beschwerden durch den ausgetretenen Gallertkern, der auf das umliegende Gewebe an der Wirbelsäule drückt. Die aus dem Rückenmark kommenden Nerven (Spinalnerven) und Nervenwurzeln im Wirbelkanal, so die gängige Annahme, werden gereizt oder beschädigt. Dies führe zu Schmerzen im Versorgungsgebiet der beteiligten Nervenwurzel und den verschiedenen neurologischen Symptomen.

Uns überzeugt diese Erklärung aus mehreren Gründen nicht:

  1. Mache dir noch einmal bewusst: Es gibt Menschen mit Bandscheibenvorfällen, die gar keine Rückenschmerzen haben. Viele wissen nicht einmal, dass sie einen Bandscheibenvorfall haben. Der Körper baut den ausgetretenen Gallertkern in der Regel von alleine wieder ab, ohne dass dieser irgendwelchen Ärger macht. Die konventionelle Lehrmeinung spricht hier von einem “stillen Vorfall”, bei dem keine Nerven involviert sind.
  2. Selbst wenn Spinalnerven beteiligt sind, muss folgende Frage gestellt werden: Wie kann ein derart weicher Gallertkern einen fingerstarken Nerv abdrücken? Auch ehemalige Chirurgen, die bei uns eine Ausbildung zum Therapeuten gemacht haben, konnten darauf keine logische Antwort finden.
  3. Schließlich wurde in Experimenten nachgewiesen, dass ein mechanisches Zusammendrücken der Nervenwurzel nicht zwingend Schmerzen verursachen muss. 2)

Was sind Alarmschmerzen?

Rezeptoren in der Knochenhaut registrieren die drohende Schädigung für deine Bandscheiben. Sie leiten diese Information an das Gehirn weiter. Sobald dort die Warnung ankommt, dass der Verschleiß größer ist als die Reparaturfähigkeit deines Körpers, reagiert das Gehirn: Es projiziert  einen Schmerz genau dorthin, wo der Verschleiß ausgelöst wird: deine Bandscheiben. Wenn du Schmerzen hast, signalisiert dir also dein Körper: In der betroffenen Körperregion stimmt etwas nicht! Pass auf und beseitige die Ursache deiner Schmerzen! Daher nennen wir diesen Schmerz “Alarmschmerz”.

Wer hat nun Recht? Das kannst du ganz einfach selbst feststellen, indem du unsere Übungen ausprobierst und danach in dich hinein hörst. Sehr wahrscheinlich wirst du feststellen: Die Schmerzen haben deutlich nachgelassen! Kann es einen besseren Beweis dafür geben, dass nicht die Bandscheibenvorwölbung oder der Bandscheibenvorfall selber, sondern die muskulären Spannungen für die Schmerzen verantwortlich sind?

Welche Faktoren begünstigen einen Bandscheibenvorfall?

Die gängige Lehrmeinung weist dem Alter bei der Entstehung einer Bandscheibenvorwölbung und eines Bandscheibenvorfalls eine Schlüsselrolle zu. Mit zunehmendem Lebensalter eines Menschen büße die Bandscheibe ihre Elastizität ein und könne Wasser schlechter speichern. Dadurch reiße der Faserring schneller. Nach dieser Logik steckt hinter einem Bandscheibenvorfall also ein jahrelanger, altersbedingter Verschleiß.

Zusätzlich sollen

  • Übergewicht,
  • starke Beanspruchungen in Kindheit und Jugend (z. B. Leistungsturnen),
  • schwere körperliche Arbeit,
  • Haltungsfehler und
  • mangelnde/einseitige Bewegung das Risiko eines Bandscheibenvorfalls erhöhen. 3)

Sicher scheint, dass Bandscheiben früh altern: Schon bei Zehnjährigen zeigen Aufnahmen erste Risse im Faserring. Bei jungen Erwachsenen ist er oft schon so geschädigt, dass die Bandscheiben vorgewölbt sind. Das erhöhte Risiko, zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr einen Vorfall zu bekommen, begründen herkömmliche Theorien mit der besonderen Beschaffenheit des Bandscheibengewebes in diesem Altersbereich: Der Faserring sei bereits spröde, der Gallertkern aber noch weitgehend flüssig, weshalb er relativ leicht austreten könne. Nach dem 60. Lebensjahr trockne das Innere der Bandscheibe dagegen immer weiter aus. 4).

Die Qualität deiner Bewegungen ist das A und O

Für uns ist die Sache mit dem Alter nur die halbe Wahrheit. Genau wie eine genetische Vorbelastung, die bei dir vielleicht besteht. Auch ob du Sportskanone oder Bürohengst bist, spielt keine Rolle. Einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule oder Lendenwirbelsäule können alle bekommen – davon sind wir überzeugt. Und alle können ihn verhindern!

▶ Warum das so ist, erklärt dir Schmerzspezialist Roland Liebscher-Bracht in diesem Video-Interview:


Bandscheiben in Not

Entscheidend ist also die Qualität deiner Bewegungen. Gerade beim Vorfall in der Lendenwirbelsäule ist häufiges Sitzen oder einseitiges Krafttraining meist die Ursache. Beim Sitzen oder Bauchmuskel-Training werden die Muskeln im vorderen Körperbereich “unnachgiebig”. Wir von Liebscher & Bracht sprechen metaphorisch auch von “Verkürzungen”. Dabei entsteht Spannung, die durch die hintere Körper-Muskulatur wieder ausgeglichen wird, indem sie Gegenspannung aufbaut. Die Bandscheibe kommt sprichwörtlich unter die Räder: Vordere und hintere Muskulatur schieben die Wirbelkörper derart aufeinander, dass die Bandscheibe dazwischen stark zusammengepresst wird.

Der Körper kann das zwar eine Weile tolerieren, doch mit zunehmendem Alter werden die Wirbelkörper durch die Spannung immer fester aufeinander gezogen. Eine zusätzliche Belastung, wie das Herausheben eines Wasserkastens, kann dann plötzlich zum Bandscheibenvorfall führen.

Bandscheiben “verhungern” mit der Zeit

Zudem kann sich das Bandscheibengewebe bei einseitigen Bewegungsmustern nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgen. Leider kommt es in unserem modernen (Arbeits-)Alltag dazu, dass wir bestimmte Positionen sehr häufig einnehmen  – beispielsweise das Sitzen. Dadurch neigen wir Wirbelkörper nur in bestimmten Winkeln, während wir andere vernachlässigen. Dies kann dazu führen, dass die Bandscheiben häufig gepresst werden und ihre Flüssigkeit austritt, sie aber selten entlastet werden, um wieder Nährstoffe aufzunehmen. Die Bandscheiben können dann mit dem Alter regelrecht „verhungern“.

📌 Zusammenfassung

Deine Bandscheiben bestehen aus einem äußeren Faserring und einem weichen Gallertkern im Inneren. Der Kern setzt sich zu fast 85 Prozent aus Wasser zusammen und federt die Druckbelastung zwischen den Wirbelkörpern wie ein Stoßdämpfer ab. Wird der Druck auf die Bandscheiben zu groß, hält der Faserring den auf ihn einwirkenden Kräften nicht mehr stand. Er platzt und ein Teil des Gallertkerns schiebt sich in die Zwischenräume des Wirbelkörpers. 

Nach konventioneller Meinung drückt nun der Kern auf das umliegende Gewebe. Er reizt die neben der Wirbelsäule verlaufenden Nerven aus dem Rückenmark und löst schließlich deine Schmerzen aus. Wir von Liebscher & Bracht halten das für die absolute Ausnahme. Nach unserem Verständnis führen einseitige Bewegungen im Alltag zu einer „Unterernährung“ deiner Bandscheiben. Es entstehen muskulär-fasziale Überspannungen im vorderen und hinteren Körperbereich, deren Zugkräfte die Wirbelkörper auf die Bandscheiben pressen. Alarmschmerzen warnen dich vor einer weiteren Schädigung deiner Gelenke. Sie fordern dich auf, deinem Rücken neue Bewegungsprogramme zu bieten.

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