Tinnitus — zu viel um die Ohren

Mann greift gequält zum Ohr aufrund eines Tinnitus.

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Bei Tinnitus ist schnelle Hilfe gefragt. Alles zu den Ursachen und Auslösern sowie die richtigen Übungen gegen das nervige Piepen im Ohr gibt’s hier.

Permanente Ohrgeräusche treiben dich in den Wahnsinn? Es hört sich an, als ob dauernd etwas in deinem Ohr rauscht, summt, pfeift oder piept? Dann weißt du: Der Tinnitus hat sich in deinem Ohr breitgemacht. Stress und verspannte Muskeln im Nacken oder ein verschobener Atlas-Wirbel können das Problem auslösen oder verstärken. Geht der Tinnitus nicht nach kurzer Zeit von selbst weg, wird er für die Betroffenen zu einer riesigen Belastung. Sie meiden laute Umgebungen, wie Bars oder Restaurants, und ziehen sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück. Wir möchten diesen Prozess stoppen, damit der Tinnitus dein Leben nicht länger beherrscht!  

Deshalb klären wir in diesem Beitrag,

Wir möchten dich auf deinem Weg zu mehr Lebensqualität — im Zweifelsfall trotz Tinnitus — begleiten und idealerweise den Tinnitus auf Nimmerwiedersehen in die Wüste schicken.

Roland Liebscher - Bracht lächelt in die Kamera. Es ist nur sein Kopf zu sehen und ein runder Kreis ist um ihn herum gezogen.

Roland Liebscher-Bracht

SPIEGEL-Bestseller Autor von “Deutschland hat Rücken” & Schmerzspezialist

Mehr über Roland Liebscher-Bracht

1. Tinnitus im Überblick


Fast jeder hatte ihn schon einmal — den nervtötenden Tinnitus mit eklig piependen Geräuschen im Ohr. Bei den meisten hören die Ohrgeräusche nach kurzer Zeit wieder von alleine auf. Doch eben nicht bei allen: Rund zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung und damit Millionen Menschen in Deutschland sind von einem Tinnitus betroffen — akut und chronisch.

Was genau ist ein Tinnitus?

Als Tinnitus wird die Wahrnehmung von Geräuschen ohne zugrunde liegende Signale aus der Umwelt verstanden. Das bedeutet, dass dein Gehirn diese Geräusche selbst bildet und es keine äußerliche Schallquelle gibt. Deswegen können andere Personen deinen Tinnitus auch nicht hören. Bei Tinnituspatienten, bei denen nach der Untersuchung feststeht, dass die Ohrgeräusche nicht im Ohr entstehen, spricht man medizinisch von einem pulssynchronen Tinnitus. Zudem hört sich der Tinnitus bei jedem Betroffenen ein klein wenig anders an: mal wie das Echolot eines Schiffs, mal wie eine Säge und mal wie ein hoher piepender Ton, den manchmal auch Ladegeräte von Smartphones von sich geben.

Wer ist betroffen?

Laut einer Studie der deutschen Tinnitus-Liga kommt es jährlich bei etwa zehn Millionen Deutschen zur Tinnitusneuerkrankung. 1) Aus dieser Gruppe leiden jedoch nicht alle unter einem dauerhaften Tinnitus. Die meisten Ohrgeräusche sind akut (= dauern weniger als drei Monate an) und verschwinden schnell wieder. Rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung quält sich mit einem chronischen Tinnitus (Pulssynchroner Tinnitus) herum. Das Ohrensausen ist bei diesen Betroffenen auch nach drei Monaten nicht wieder verschwunden.

Dauert der Tinnitus so lange an, wird er oft zur großen Belastung. Wenn du selbst unter den nervigen Geräuschen leidest, kennst du das vielleicht von dir. Die Konzentration sinkt, laute Umgebungen wie Bars oder auf kulturellen Veranstaltungen werden zur Qual. Tinnituspatienten ziehen sich immer mehr zurück und das soziale Miteinander leidet ebenso wie die Lebensqualität.

Zwillinge liegen auf einem Sofa auf einem Balkon und leiden unter Tinnitus

Schon gewusst? Studien haben ergeben, dass das Ohrensausen auch erblich sein kann. Untersuchungen mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen legen diesen Schluss nahe — allerdings gilt das nur, wenn der Tinnitus auf beiden Ohren auftritt. 2)

Wir möchten dir im nächsten Kapitel mögliche Ursachen und Auslöser für die Ohrerkrankung Tinnitus aufzeigen, die vielleicht auch bei dir in Frage kommen. Im Kapitel Behandlung erklären wir dir dann, welche Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe dir offenstehen. Zum Schluss zeigen wir dir Übungen, die helfen können, die Ohrgeräusche zu mindern oder sogar ganz verschwinden lassen.

2. Symptome, Ursachen und Diagnose des Tinnitus


Ohrgeräusche sind dein ständiger Begleiter und das Rauschen stammt nicht von der letzten Partynacht? Dann kann es sein, dass du einen Tinnitus hast. Die Symptome, Ausprägungen, Schweregrade und wahrgenommenen Frequenzbereiche der Erkrankung sind allerdings sehr unterschiedlich und individuell ausgeprägt. Wir fassen dir hier zusammen, was viele Betroffene berichten:

Der Tinnitus hört sich an wie ein

  • Klingeln,
  • Rauschen oder Ohrensausen,
  • Brummen,
  • Knacken,
  • Knistern,
  • Zischen oder
  • Klopfen

im Ohr.

Als Begleiterscheinungen dieser ersten (primären) Symptome folgen mit der Zeit weitere (sekundäre) Symptome — je nach Schweregrad der Krankheit. Dazu gehören:

Forscher haben herausgefunden, dass zwar nur die Betroffenen den Tinnitus hören können, der Tinnitus jedoch teilweise messbar ist, da es zu Hörminderungen, Hörstörungen oder zeitweise sogar zu einem Hörverlust kommt. So kann die Ohrerkrankung Tinnitus als Symptom oder auch als Minimalvariante eines Hörsturzes betrachtet werden. Dabei kommt es zu einer Hörstörung mit temporärem Hörverlust. Auch Schädigungen des Hörnervs und der Nervenzellen im Ohr können ursächlich sein.

Wecker steht auf einem Tisch und das Ticken der Zeiger ist so laut wie ein Tinnitus.

Wie laut ist ein Tinnitus?

Messungen haben ergeben, dass die Tinnitus-Geräusche etwa 5–10 Dezibel (dB) laut sind. Das entspricht in etwa der Lautstärke von raschelnden Blättern, des Atems oder des Tickens einer Uhr. Die Tatsache, dass dieser Lärm auf Dauer nicht besonders angenehm ist, kann auch jeder verstehen, der nicht unter der Ohrerkrankung Tinnitus leidet. Denn wer hat folgende Situation nicht schon einmal erlebt: Man möchte schlafen oder wieder einschlafen, aber das Ticken der Uhr an der Wand treibt einen in den Wahnsinn. Das eigentlich gar nicht so laute Ticken wird so unerträglich wie der Lärm der Großbaustelle von nebenan. Am nächsten Tag fühlt man sich dann extrem unausgeruht. Jetzt stell dir vor, das wäre jede Nacht so —  dann weißt du, wie es einem Menschen mit Tinnitus geht.

2.1 Was sind die Ursachen für einen Tinnitus?

Eine eindeutige Ursache für den Tinnitus ist nicht bekannt. Gleiches gilt für den Hörsturz. Doch es gibt einige Theorien über die Ursachen der Erkrankung: 3)

  • eine verringerte Durchblutung (Hypotonie) im Innenohr durch enge Blutgefäße,
  • eine erhöhte Durchblutung (Hypertonie) im Innenohr mit weiten Blutgefäßen, die über eine Mangelversorgung (Ischämie) zur veränderten Geräuschentstehung führt,
  • Veränderungen im Bereich des Mittelohrs (wie Otitis (Ohrenentzündung), Tubenkatarrh (Entzündung der Schleimhaut in der Nase mit Druckgefühl im Ohr) oder Otosklerose (Erkrankung des Knochens im Innenohr)),
  • Schädigungen der Nerven im Ohr — besonders des Hörnervs im Innenohr,
  • Tinnitus als Begleitsymptom eines Hörsturzes (oft mit Schwerhörigkeit),
  • Tinnitus als Begleitsymptom von Morbus Meniére (mit Schwindel und Schwerhörigkeit) sowie
  • Tinnitus nach einem akustischen Trauma,
  • bei einem verschobenen Atlaswirbel oder
  • als Reaktion auf bestimmte Medikamente.

Mögliche weitere, aber seltene Auslöser für Tinnitus sind:

  • Hirntumore,
  • Tumore am Hörnerv,
  • Schlaganfall,
  • Multiple Sklerose (MS) und
  • Schädel-Hirn-Traumata.

Wir möchten dir an dieser Stelle zwei Modelle zur Erklärung der Tinnitus-Entstehung näher erläutern:

Zu sehen ist ein Lautsprecher. Der Lautsprecher erzeugt laute Geräusche, die zum Hörsturz und Tinnitus führen können.

Eine Erklärung für den Tinnitus ist, dass Lücken im Frequenzspektrum bestehen — beispielsweise aufgrund einer Störung der Schallleitung (durch Otitis oder Tubenkatarrh). Auch eine Schädigung im Innenohr (Knalltrauma, Infektion), die Sinneszellen zerstört, kann ursächlich sein. Das Gehirn versucht dann, den akustischen Mangel auszugleichen, indem es eigene Geräusche — den Tinnitus — erzeugt. Dein Gehirn mag nämlich keine absolute Stille und ist deshalb bemüht, die Lautlosigkeit akustisch zu füllen. Nach dieser Theorie erzeugt also nicht dein Hörorgan, sondern das Gehirn die Geräusche. Häufiger Auslöser oder Verstärker dieses Prozesses ist Stress. 4)

Hände zeigen auf den verspannten Nacken einer Frau. Diese Verspannungen können der Auslöser für Tinnitus sein.

Eine andere Erklärung für Schwindel und Ohrgeräusche, die sicherlich in vielen Fällen zutrifft, ist eine Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Auch wir konnten in unserer Schmerztherapie immer wieder beobachten, dass Muskelverspannungen im Nacken und Gelenkbeschwerden, beispielsweise am Atlaswirbel, den Tinnitus hervorrufen können. Häufige Ursachen für die Probleme im Nacken und am Atlas sind Fehlhaltungen (oft im Büroalltag) und einseitige Belastungen. Wie du deinen Nacken entspannen und so deine Beschwerden in den Griff bekommen kannst, zeigen wir dir im Kapitel Übungen.   

Welche Faktoren verstärken den Tinnitus?

Der gravierendste Auslöser, der das Fass zum Überlaufen bringt oder den Tinnitus verstärkt, ist Stress. Stress kann also einerseits die Ohrgeräusche auslösen. Sollte dies nicht die Ursache sein, fühlen sich Patienten andererseits von dem Piepen im Ohr genervt, wodurch Stress das Problem verstärken kann. 5) Du siehst, hier entsteht schnell ein Teufelskreis, der nicht immer leicht zu durchbrechen ist. Doch wir unterstützen dich dabei.

Übrigens sorgt Stress auch dafür, dass deine Muskulatur verkrampft und deine Faszien verfilzen. Die zu hohen muskulär-faszialen Spannungen (durch den Stress) verursachen oder verstärken eine Funktionsstörung im Bereich des Nackens und des Atlaswirbels in der Halswirbelsäule bis hoch zum Kiefer (Bruxismus). Studien bestätigen unsere eigenen Beobachtungen: Es konnte in Untersuchungen von Tinnituspatienten ein gehäuftes Auftreten von Bruxismus (Zähneknirschen) belegt werden. 6)

Wie trägt chronischer Stress im Detail zur Tinnitusentstehung bei?

Bei permanentem (chronischen) Stress wird vermehrt Kortisol ausgeschüttet, was insgesamt zu einer erhöhten Energiebereitstellung führt. Zusätzlich wird die Ausschüttung von Glutamat und Calcium getriggert. Da sich in der Cochlea (Hörschnecke, Gehörschnecke) viele Glukokortikoid-Rezeptoren (Rezeptoren für den Zucker Stoffwechsel)  befinden, an denen die Stoffe andocken, kann es zur verstärkten Bildung von Aktionspotentialen kommen. Dies wird im Gehirn als Hyperaktivität wahrgenommen und kann als Tinnitus interpretiert (ausgespielt) werden. Oft leidet der Tinnituspatient dann auch insgesamt unter Hörminderungen. In einer Behandlung kann versucht werden, das Ungleichgewicht der Mikronährstoffe mit dem Mikronährstoff Magnesium zu kompensieren und so die Beschwerden zu lindern. 7) Mehr zum Thema Ernährung und zur Rolle der Mikronährstoffe findest du hier.

Die gute Nachricht für dich: Wenn Beschwerden an Kiefer, Nacken oder der Halswirbelsäule vorliegen, können wir dich mit unserer Schmerztherapie gut behandeln. Mehr dazu erfährst du im nächsten Kapitel.  Kommt dein Tinnitus also daher, so kannst du mit unseren Übungen sogar selbst etwas tun, damit die nervtötenden Ohrgeräusche gedämpft werden und hoffentlich schnell verschwinden.

2.2 Wie wird die Diagnose Tinnitus gestellt?

Pfeift es in den Ohren, führt der erste Gang meist zum Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt). Der HNO-Arzt untersucht dann, ob beispielsweise Veränderungen im Mittelohr vorliegen, die das Problem erklären könnten. Sollte ein Tumor (z. B. ein gutartiges Vestibularisschwannom) das Problem sein, so wird dieser in der Regel bei der Untersuchung diagnostiziert. Handelt es sich um einen pulsierenden (pulssynchronen) Tinnitus, sollten zusätzlich Gefäßanomalien wie Aneurysmen (krankhafte Aussackungen) ausgeschlossen werden.

Abgebildet ist ein Otoskop, mit dem man das Ohr bei Verdacht auf Tinnitus auf andere Auffälligkeiten untersucht.

Zur Erkennung von Hörstörungen werden beispielsweise auch otoakustische Emissionen (OEA) überprüft. Otoakustische Emissionen bezeichnet dabei die Messung von Schall an den äußeren Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr und Gehörgang. Auch die Hörfähigkeit wird auf diese Weise überprüft und lässt Rückschlüsse auf andere Krankheiten im Ohr zu.  

In über 99 Prozent der Fälle findet der HNO-Arzt jedoch keine Ursache für den Tinnitus. Die Diagnose lautet dann „Tinnitus mit unbekannter Ursache“. Wir sind der Meinung, dass auch deswegen so oft keine Ursache für den Tinnitus gefunden wird, weil die Halswirbelsäule (HWS) “übersehen” und damit nicht untersucht wird.   

Übrigens sollte gerade bei Kindern mit Verdacht auf Tinnitus eine Verwechslung mit einer Hyperakusis ausgeschlossen werden. Unter einer Hyperakusis versteht man die krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Schall.

Exkurs — Das Ohr und Aufbau des Hörnervs:

Der Hörnerv ist ein Teil des Nervus vestibulocochlearis. Seine Aufgabe besteht darin, Informationen von Gleichgewichtsorgan und Hörschnecke zum Gehirn zu transportieren — genauer gesagt an den auditorischen Cortex, auch Hörrinde genannt. Die Infos werden zunächst über die Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr aufgenommen und anschließend zum Hörnerv geleitet, der sie dann weiterschickt. Über den Hörnerv werden jedoch nicht nur Meldungen an das Gehirn (auditorischer Cortex, Hörrinde) weitergeleitet, sondern er empfängt auch Befehle aus dem Gehirn und gibt sie an die Sinneszellen im Innenohr weiter.

Schematische Darstellung des Ohres und Innenohres bei Tinnitus

 3. Behandlung bei Tinnitus


Wir erklären dir in diesem Kapitel, wie wir deinem Tinnitus mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht begegnen können und welche Therapien in der herkömmlichen Medizin Anwendung finden. So bekommst du einen umfangreichen Überblick und kannst selbst entscheiden, welche Behandlung am besten zu dir passt.

3.1 Tinnitus behandeln mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht

Wie du vielleicht schon in anderen Beiträgen von uns gelesen hast, konnten wir beobachten, dass die meisten der heute auftretenden Beschwerden im Bewegungsapparat auf zu hohe muskulär-fasziale Spannungen und einseitige Belastungen und Bewegungsmuster zurückzuführen sind. Oft nutzt du in deinem Alltag — meist ohne, dass dir das bewusst ist — nur noch rund zehn Prozent der Bewegungsmöglichkeiten und Gelenkwinkel, die dein Körper eigentlich realisieren bzw. einnehmen kann. Die Muskeln und Faszien passen sich an die reduzierten Bewegungen an und “verkürzen”.

Beim Tinnitus betrifft das hauptsächlich den Bereich der Halswirbelsäule (HWS), den Nacken und die Kiefermuskulatur. Sitzt du vielleicht den ganzen Tag in immer derselben Position am Schreibtisch? Plagt dich Stress, sodass du nachts anfängst, mit den Zähnen zu knirschen?

Dein Körper versucht, die zu hohen Spannungen mit Gegenspannungen auszugleichen. Das führt allerdings dazu, dass Gelenkflächen und Wirbelkörper zu stark aufeinandergepresst werden. So kommt es beispielsweise auch zu einer Atlasblockade, die wiederum Tinnitus auslösen kann.

Osteopressurpunkte an der HWS gegen Tinnitus, gezeigt am Skelett.

Jede Menge Rezeptoren in deinem Körper registrieren die zu hohen Spannungen und melden diese ans Gehirn. Normalerweise schaltet das Gehirn dann einen sogenannten Alarmschmerz in der betroffenen Körperregion. Doch manchmal klingelt die Alarmglocke auch im Gehirn — das geschieht dann eben in Form eines Tinnitus. Er signalisiert, dass Bereiche deines Körpers aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht können gezielt Punkte am Knochen gedrückt werden, sodass die Schmerzen — oder in diesem Fall die Ohrgeräusche — gedämpft oder gar ganz eingestellt werden können. Wenn du unter Tinnitus leidest, gehe am besten zu einem der von uns ausgebildeten Schmerzspezialisten in deiner Nähe. Ist die Halswirbelsäule (HWS) der Auslöser für den Tinnitus, so wird sich der Erfolg mit dieser Therapie schnell zeigen und die Geräusche im Ohr werden abgeschwächt oder können verschwinden. Damit die Ohrgeräusche dann auch dauerhaft gedämpft werden oder besser ganz wegbleiben, ist es sehr wichtig, dass du regelmäßig unsere Übungen machst. Diese sorgen dafür, dass die Zugspannungen, die den Tinnitus ausgelöst haben, nicht wieder zu hoch werden.

Du möchtest lieber sofort selbst aktiv werden? Auch das ist kein Problem! Hierfür stehen dir zwei Möglichkeiten offen:

  • Du kannst mit unserem speziell entwickelten Drücker-Set einige der Punkte am Knochen selbst drücken. Eine Video-Anleitung, mit welchem Griffstück du am besten welche Punkte drücken solltest, haben wir dir in unserem Übungsbereich zusammengestellt. Wenn du unsicher bist, kannst du auch einen unserer Schmerzspezialisten um Rat fragen.
  • Du kannst auch gleich unsere Übungen gegen Tinnitus-Beschwerden ausprobieren. Mit den Übungen gehst du die Problemzonen (= Engpässe) im Nacken, in der HWS und im Kiefer effektiv an. Ziel der Übungen ist es, dass die Muskeln und Faszien wieder schön geschmeidig werden und sich Verhärtungen und Verkürzungen zurückbilden. So können die Beschwerden langfristig beseitigt werden. Welche Übungen helfen können und wie sie ausgeführt werden, zeigen wir dir Schritt für Schritt im nächsten Kapitel.

3.2 Tinnitus-Therapie in der herkömmlichen Medizin

Bei der Diagnose Tinnitus wird standardmäßig eine Fusionstherapie mit speziellen Lösungen über mehrere Tage hinweg durchgeführt. Der Erfolg und die Wirksamkeit dieser Therapie ist nicht einzuschätzen und kaum belegt, denn es gibt viele Patienten, deren Symptome sich dadurch nicht bessern.

Verschiedene Medikamente in einer Hand gegen Übersäuerung

Ein Tinnitus, der auf Stress zurückzuführen ist, wird übrigens im Akutfall mit sogenannten Glukokortikoiden (bestimmte Wirkstoffe in Medikamenten) behandelt, obwohl noch unklar ist, was diese Glukokortikoide genau im Körper bewirken. Manchmal kommt auch ein Mix aus Medikamenten mit Cortison in Kombination mit einer Sauerstofftherapie zum Einsatz. Durch die Sauerstofftherapie sollen die Sinneszellen und Nervenzellen im Ohr bei der Regeneration unterstützt werden. Doch auch bei der Sauerstofftherapie in Kombination mit Medikamenten gibt es keine validen Ergebnisse —  manchen Patienten hilft das also, anderen nicht.

Bei chronischem Tinnitus und einem hohen Leidensdruck der Patienten setzen viele Ärzte auf eine psychotherapeutische Verhaltenstherapie. Dabei geht es jedoch oftmals “nur” darum, mit dem Tinnitus zu leben und sich nicht mehr so von den Ohrgeräuschen stressen zu lassen.

Eine dieser Therapien ist die Tinnitus-Retraining-Therapie. Diese Behandlung umfasst eine Mischung aus medizinischer Beratung und Aufklärung, psychologischer Betreuung und Hörtherapie sowie bei Bedarf einen Tinnitus-Masker (Tongenerator als Hörgerät). Um diese Rauschgeräte richtig einstellen zu können, wird zunächst bei jedem Tinnituspatienten der passende Frequenzbereich ermittelt. Denn die Frequenzbereiche unterscheiden sich immer von Patient zu Patient und müssen individuell festgestellt und angepasst werden.

In einer Studie konnte ermittelt werden, dass nach 36 Monaten (nach Therapieende) rund 60 Prozent der Patienten keine Probleme mehr beim Einschlafen oder Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund des Tinnitus hätten. 8) Andere Studien kommen dagegen zu dem Schluss, dass Hörtraining bei Tinnitus keine Wirksamkeit auf eine veränderte Wahrnehmung des Tinnitus zeigt. 9)

Zu sehen ist ein Laptop mit einer speziellen Software. Mit dem Computer lassen sich Töne erzeugen, die einen Tinnitus überdecken.

Bei einigen Patienten kommt nur ein sogenannter Tongenerator (Tinnitus-Noiser) zum Einsatz. In der Form eines Hörgeräts sendet der Tinnitus-Noiser  konkurrierende Frequenzen ins betroffene Ohr und lenkt so vom eigentlichen Geschehen — also den im Gehirn entstehenden Tönen — ab. Jedoch wird in der aktuellen, bis 2020 gültigen S3-Leitlinie “Chronischer Tinnitus” explizit keine Empfehlung für Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) ausgesprochen. Die Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) können neusten Erkenntnissen zufolge eine Hyperaktivität und Hörwahrnehmungsstörungen auslösen und schaden dem Patienten eher. 10)

Als Hausmittel greifen viele Betroffene zu Präparaten mit Ginkgo. Denn Ginkgo enthält Wirkstoffe, die Ohrgeräuschen manchmal entgegenwirken können.

4. Übungen gegen Tinnitus — die Top-3-Übungen gegen Ohrgeräusche


Es kann sein, dass die Ursache für deinen Tinnitus in einer Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) liegt. Mit den folgenden Entspannungsübungen kannst du die verspannten Muskeln und Faszien in diesem Bereich lockern. Wenn du unsere Übungen noch nicht kennst, dann lies dir bitte zuerst unsere Checkliste unter der Übungsbeschreibung durch.

Übung zur Dehnung der Nacken- und Kiefermuskulatur gegen Tinnitus:

Frau rollt mit der großen Faszien-Kugel über die Backe, um dort die Verspannungen zu lösen.

Faszien-Rollmassage gegen Tinnitus:

Schnappe dir unsere Mini-Kugel oder eine vergleichbare Kugel und rolle spiralförmig und mit viel Druck den Kiefer und deine Kaumuskulatur an der Backe ab. An den Stellen, wo die Verspannungen besonders deutlich spürbar sind, bleibe länger und kreise auf der Stelle.

Frau rollt mit der Faszienrolle den Nacken entlang, um Verspannungen beim Tinnitus zu lösen.

Mit der Medi-Rolle gegen Nackenverspannungen:

Nimm unsere Medi-Rolle oder eine vergleichbare Rolle und setze sie im 45-Grad-Winkel hinter dem Ohr am Nacken an. Rolle nun langsam und mit viel Druck den Hals hinunter und löse so Verklebungen in den Faszien. Wiederhole die Übung auch auf der anderen Seite.

Frau dehnt die Kiefermuskulatur beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Kiefermuskulatur:

Setze dich gerade hin, umgreift mit einer Hand deinen Unterkiefer und öffne deinen Mund so weit wie möglich. Die Hand nimmst du zur Unterstützung, um die Muskulatur im Kiefer, der Backe und rund um den Mund mal wieder richtig schon weit aufzudehnen. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung. Es kann auch sein, dass der Tinnitus zunächst sein Geräusch ändert, oder sogar stärker wird, bevor die Beschwerden stark nachlassen. Lass dich also davon nicht entmutigen!

Frau dehnt sich den Nacken zur Behandlung beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Nackenmuskulatur:

Setze dich gerade hin und winkle den linken Arm an, denn so verhinderst du, dass du deine Schulter während der Dehnübung nach oben ziehst. Greife mit der rechten Hand über den Kopf zum linken Ohr und bringe den Kopf so in eine Dehnung. Du spürst die Dehnung seitlich an deinem Hals. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung und atme dabei gleichmäßig. Wechsle danach die Seite und löse deine Verspannungen und Muskelverhärtungen auch auf der anderen Seite.

Variiere die Übung, indem du den Kopf um 45 Grad zur Seite neigst und ihn dann wie gewohnt zur Seite dehnst. So werden noch einmal andere Muskelstränge an deinem Hals gedehnt.

📌 Checkliste für die Liebscher & Bracht-Übungen

Damit bei unseren Übungen auch wirklich nichts schiefgeht, haben wir dir sechs wichtige Tipps zusammengestellt. Sie sollen dir helfen, die Übungen leicht in deinen Alltag integrieren und optimale Ergebnisse erzielen zu können.

✅ Übe an sechs Tagen pro Woche und führe dabei jede Übung mindestens einmal täglich aus.

✅ Für jede Übung solltest du zwei bis zweieinhalb Minuten investieren. Fängst du gerade erst mit den Übungen an oder ist der Schmerz noch zu stark, kannst du dich auch allmählich steigern. Bedenke allerdings, dass Dehnungen nur für einige Sekunden keinen oder kaum den gewünschten Effekt bringen.

✅ Orientiere dich immer an deiner persönlichen Schmerzskala von eins bis zehn. Die besten Ergebnisse erzielst du, wenn du bei jeder Dehnung auf einer Stufe von acht oder neun arbeitest. Neun bedeutet: Du spürst einen intensiven Schmerz, kannst aber noch ruhig atmen und musst nicht gegenspannen.

✅ Ein noch erträglicher Schmerz ist für dich der wichtigste Anhaltspunkt. Hab also keine Angst vor ihm: Dein Körper weist dich darauf hin, dass du den muskulären „Verkürzungen“ genau an der richtigen Stelle entgegenwirkst.

✅ Sei geduldig — auch wenn es schwerfällt. Es kann etwas dauern, bis dein Gehirn neue Bewegungsprogramme speichert. Doch wenn du am Ball bleibst und die Übungen zu deiner täglichen Routine machst, kannst du dir deine Schmerz-Freiheit zurückerobern.

✅ Sollten die Schmerzen aufgrund der Übungen zunehmen, besteht kein Grund zur Panik. Eine Erstverschlimmerung kann eine normale Reaktion deines Körpers sein. Wenn sich deine gesamte Körperstatik durch regelmäßiges Training verändert, muss sich der Bewegungsapparat erst nach und nach daran anpassen. Geht es dir nach den Übungen aber dauerhaft schlechter statt besser, signalisiert dir dein Körper, dass du es womöglich übertreibst. Pausiere dann einfach für einen oder zwei Tage und/oder verringere bei deinen nächsten Übungseinheiten ein wenig die Intensität, um dich anschließend wieder in kleinen Schritten zu steigern. So führst du deinen Körper schonend an die für dich richtige Acht oder Neun auf der Schmerzskala heran.

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Der Visionär

Roland Liebscher-Bracht

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Fast jeder hatte ihn schon einmal — den nervtötenden Tinnitus mit eklig piependen Geräuschen im Ohr. Bei den meisten hören die Ohrgeräusche nach kurzer Zeit wieder von alleine auf. Doch eben nicht bei allen: Rund zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung und damit Millionen Menschen in Deutschland sind von einem Tinnitus betroffen — akut und chronisch.

Was genau ist ein Tinnitus?

Als Tinnitus wird die Wahrnehmung von Geräuschen ohne zugrunde liegende Signale aus der Umwelt verstanden. Das bedeutet, dass dein Gehirn diese Geräusche selbst bildet und es keine äußerliche Schallquelle gibt. Deswegen können andere Personen deinen Tinnitus auch nicht hören. Bei Tinnituspatienten, bei denen nach der Untersuchung feststeht, dass die Ohrgeräusche nicht im Ohr entstehen, spricht man medizinisch von einem pulssynchronen Tinnitus. Zudem hört sich der Tinnitus bei jedem Betroffenen ein klein wenig anders an: mal wie das Echolot eines Schiffs, mal wie eine Säge und mal wie ein hoher piepender Ton, den manchmal auch Ladegeräte von Smartphones von sich geben.

Wer ist betroffen?

Laut einer Studie der deutschen Tinnitus-Liga kommt es jährlich bei etwa zehn Millionen Deutschen zur Tinnitusneuerkrankung. 11) Aus dieser Gruppe leiden jedoch nicht alle unter einem dauerhaften Tinnitus. Die meisten Ohrgeräusche sind akut (= dauern weniger als drei Monate an) und verschwinden schnell wieder. Rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung quält sich mit einem chronischen Tinnitus (Pulssynchroner Tinnitus) herum. Das Ohrensausen ist bei diesen Betroffenen auch nach drei Monaten nicht wieder verschwunden.

Dauert der Tinnitus so lange an, wird er oft zur großen Belastung. Wenn du selbst unter den nervigen Geräuschen leidest, kennst du das vielleicht von dir. Die Konzentration sinkt, laute Umgebungen wie Bars oder auf kulturellen Veranstaltungen werden zur Qual. Tinnituspatienten ziehen sich immer mehr zurück und das soziale Miteinander leidet ebenso wie die Lebensqualität.

Zwillinge liegen auf einem Sofa auf einem Balkon und leiden unter Tinnitus

Schon gewusst? Studien haben ergeben, dass das Ohrensausen auch erblich sein kann. Untersuchungen mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen legen diesen Schluss nahe — allerdings gilt das nur, wenn der Tinnitus auf beiden Ohren auftritt. 12)

Wir möchten dir im nächsten Kapitel mögliche Ursachen und Auslöser für die Ohrerkrankung Tinnitus aufzeigen, die vielleicht auch bei dir in Frage kommen. Im Kapitel Behandlung erklären wir dir dann, welche Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe dir offenstehen. Zum Schluss zeigen wir dir Übungen, die helfen können, die Ohrgeräusche zu mindern oder sogar ganz verschwinden lassen.

2. Symptome, Ursachen und Diagnose des Tinnitus


Ohrgeräusche sind dein ständiger Begleiter und das Rauschen stammt nicht von der letzten Partynacht? Dann kann es sein, dass du einen Tinnitus hast. Die Symptome, Ausprägungen, Schweregrade und wahrgenommenen Frequenzbereiche der Erkrankung sind allerdings sehr unterschiedlich und individuell ausgeprägt. Wir fassen dir hier zusammen, was viele Betroffene berichten:

Der Tinnitus hört sich an wie ein

  • Klingeln,
  • Rauschen oder Ohrensausen,
  • Brummen,
  • Knacken,
  • Knistern,
  • Zischen oder
  • Klopfen

im Ohr.

Als Begleiterscheinungen dieser ersten (primären) Symptome folgen mit der Zeit weitere (sekundäre) Symptome — je nach Schweregrad der Krankheit. Dazu gehören:

Forscher haben herausgefunden, dass zwar nur die Betroffenen den Tinnitus hören können, der Tinnitus jedoch teilweise messbar ist, da es zu Hörminderungen, Hörstörungen oder zeitweise sogar zu einem Hörverlust kommt. So kann die Ohrerkrankung Tinnitus als Symptom oder auch als Minimalvariante eines Hörsturzes betrachtet werden. Dabei kommt es zu einer Hörstörung mit temporärem Hörverlust. Auch Schädigungen des Hörnervs und der Nervenzellen im Ohr können ursächlich sein.

Wecker steht auf einem Tisch und das Ticken der Zeiger ist so laut wie ein Tinnitus.

Wie laut ist ein Tinnitus?

Messungen haben ergeben, dass die Tinnitus-Geräusche etwa 5–10 Dezibel (dB) laut sind. Das entspricht in etwa der Lautstärke von raschelnden Blättern, des Atems oder des Tickens einer Uhr. Die Tatsache, dass dieser Lärm auf Dauer nicht besonders angenehm ist, kann auch jeder verstehen, der nicht unter der Ohrerkrankung Tinnitus leidet. Denn wer hat folgende Situation nicht schon einmal erlebt: Man möchte schlafen oder wieder einschlafen, aber das Ticken der Uhr an der Wand treibt einen in den Wahnsinn. Das eigentlich gar nicht so laute Ticken wird so unerträglich wie der Lärm der Großbaustelle von nebenan. Am nächsten Tag fühlt man sich dann extrem unausgeruht. Jetzt stell dir vor, das wäre jede Nacht so —  dann weißt du, wie es einem Menschen mit Tinnitus geht.

2.1 Was sind die Ursachen für einen Tinnitus?

Eine eindeutige Ursache für den Tinnitus ist nicht bekannt. Gleiches gilt für den Hörsturz. Doch es gibt einige Theorien über die Ursachen der Erkrankung: 13)

  • eine verringerte Durchblutung (Hypotonie) im Innenohr durch enge Blutgefäße,
  • eine erhöhte Durchblutung (Hypertonie) im Innenohr mit weiten Blutgefäßen, die über eine Mangelversorgung (Ischämie) zur veränderten Geräuschentstehung führt,
  • Veränderungen im Bereich des Mittelohrs (wie Otitis (Ohrenentzündung), Tubenkatarrh (Entzündung der Schleimhaut in der Nase mit Druckgefühl im Ohr) oder Otosklerose (Erkrankung des Knochens im Innenohr)),
  • Schädigungen der Nerven im Ohr — besonders des Hörnervs im Innenohr,
  • Tinnitus als Begleitsymptom eines Hörsturzes (oft mit Schwerhörigkeit),
  • Tinnitus als Begleitsymptom von Morbus Meniére (mit Schwindel und Schwerhörigkeit) sowie
  • Tinnitus nach einem akustischen Trauma,
  • bei einem verschobenen Atlaswirbel oder
  • als Reaktion auf bestimmte Medikamente.

Mögliche weitere, aber seltene Auslöser für Tinnitus sind:

  • Hirntumore,
  • Tumore am Hörnerv,
  • Schlaganfall,
  • Multiple Sklerose (MS) und
  • Schädel-Hirn-Traumata.

Wir möchten dir an dieser Stelle zwei Modelle zur Erklärung der Tinnitus-Entstehung näher erläutern:

Zu sehen ist ein Lautsprecher. Der Lautsprecher erzeugt laute Geräusche, die zum Hörsturz und Tinnitus führen können.

Eine Erklärung für den Tinnitus ist, dass Lücken im Frequenzspektrum bestehen — beispielsweise aufgrund einer Störung der Schallleitung (durch Otitis oder Tubenkatarrh). Auch eine Schädigung im Innenohr (Knalltrauma, Infektion), die Sinneszellen zerstört, kann ursächlich sein. Das Gehirn versucht dann, den akustischen Mangel auszugleichen, indem es eigene Geräusche — den Tinnitus — erzeugt. Dein Gehirn mag nämlich keine absolute Stille und ist deshalb bemüht, die Lautlosigkeit akustisch zu füllen. Nach dieser Theorie erzeugt also nicht dein Hörorgan, sondern das Gehirn die Geräusche. Häufiger Auslöser oder Verstärker dieses Prozesses ist Stress. 14)

Hände zeigen auf den verspannten Nacken einer Frau. Diese Verspannungen können der Auslöser für Tinnitus sein.

Eine andere Erklärung für Schwindel und Ohrgeräusche, die sicherlich in vielen Fällen zutrifft, ist eine Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Auch wir konnten in unserer Schmerztherapie immer wieder beobachten, dass Muskelverspannungen im Nacken und Gelenkbeschwerden, beispielsweise am Atlaswirbel, den Tinnitus hervorrufen können. Häufige Ursachen für die Probleme im Nacken und am Atlas sind Fehlhaltungen (oft im Büroalltag) und einseitige Belastungen. Wie du deinen Nacken entspannen und so deine Beschwerden in den Griff bekommen kannst, zeigen wir dir im Kapitel Übungen.   

Welche Faktoren verstärken den Tinnitus?

Der gravierendste Auslöser, der das Fass zum Überlaufen bringt oder den Tinnitus verstärkt, ist Stress. Stress kann also einerseits die Ohrgeräusche auslösen. Sollte dies nicht die Ursache sein, fühlen sich Patienten andererseits von dem Piepen im Ohr genervt, wodurch Stress das Problem verstärken kann. 15) Du siehst, hier entsteht schnell ein Teufelskreis, der nicht immer leicht zu durchbrechen ist. Doch wir unterstützen dich dabei.

Übrigens sorgt Stress auch dafür, dass deine Muskulatur verkrampft und deine Faszien verfilzen. Die zu hohen muskulär-faszialen Spannungen (durch den Stress) verursachen oder verstärken eine Funktionsstörung im Bereich des Nackens und des Atlaswirbels in der Halswirbelsäule bis hoch zum Kiefer (Bruxismus). Studien bestätigen unsere eigenen Beobachtungen: Es konnte in Untersuchungen von Tinnituspatienten ein gehäuftes Auftreten von Bruxismus (Zähneknirschen) belegt werden. 16)

Wie trägt chronischer Stress im Detail zur Tinnitusentstehung bei?

Bei permanentem (chronischen) Stress wird vermehrt Kortisol ausgeschüttet, was insgesamt zu einer erhöhten Energiebereitstellung führt. Zusätzlich wird die Ausschüttung von Glutamat und Calcium getriggert. Da sich in der Cochlea (Hörschnecke, Gehörschnecke) viele Glukokortikoid-Rezeptoren (Rezeptoren für den Zucker Stoffwechsel) befinden, an denen die Stoffe andocken, kann es zur verstärkten Bildung von Aktionspotentialen kommen. Dies wird im Gehirn als Hyperaktivität wahrgenommen und kann als Tinnitus interpretiert (ausgespielt) werden. Oft leidet der Tinnituspatient dann auch insgesamt unter Hörminderungen. In einer Behandlung kann versucht werden, das Ungleichgewicht der Mikronährstoffe mit dem Mikronährstoff Magnesium zu kompensieren und so die Beschwerden zu lindern. 17) Mehr zum Thema Ernährung und zur Rolle der Mikronährstoffe findest du hier.

Die gute Nachricht für dich: Wenn Beschwerden an Kiefer, Nacken oder der Halswirbelsäule vorliegen, können wir dich mit unserer Schmerztherapie gut behandeln. Mehr dazu erfährst du im nächsten Kapitel.  Kommt dein Tinnitus also daher, so kannst du mit unseren Übungen sogar selbst etwas tun, damit die nervtötenden Ohrgeräusche gedämpft werden und hoffentlich schnell verschwinden.

2.2 Wie wird die Diagnose Tinnitus gestellt?

Pfeift es in den Ohren, führt der erste Gang meist zum Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt). Der HNO-Arzt untersucht dann, ob beispielsweise Veränderungen im Mittelohr vorliegen, die das Problem erklären könnten. Sollte ein Tumor (z. B. ein gutartiges Vestibularisschwannom) das Problem sein, so wird dieser in der Regel bei der Untersuchung diagnostiziert. Handelt es sich um einen pulsierenden (pulssynchronen) Tinnitus, sollten zusätzlich Gefäßanomalien wie Aneurysmen (krankhafte Aussackungen) ausgeschlossen werden.

Abgebildet ist ein Otoskop, mit dem man das Ohr bei Verdacht auf Tinnitus auf andere Auffälligkeiten untersucht.

Zur Erkennung von Hörstörungen werden beispielsweise auch otoakustische Emissionen (OEA) überprüft. Otoakustische Emissionen bezeichnet dabei die Messung von Schall an den äußeren Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr und Gehörgang. Auch die Hörfähigkeit wird auf diese Weise überprüft und lässt Rückschlüsse auf andere Krankheiten im Ohr zu.  

In über 99 Prozent der Fälle findet der HNO-Arzt jedoch keine Ursache für den Tinnitus. Die Diagnose lautet dann „Tinnitus mit unbekannter Ursache“. Wir sind der Meinung, dass auch deswegen so oft keine Ursache für den Tinnitus gefunden wird, weil die Halswirbelsäule (HWS) “übersehen” und damit nicht untersucht wird.   

Übrigens sollte gerade bei Kindern mit Verdacht auf Tinnitus eine Verwechslung mit einer Hyperakusis ausgeschlossen werden. Unter einer Hyperakusis versteht man die krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Schall.

Exkurs — Das Ohr und Aufbau des Hörnervs:

Der Hörnerv ist ein Teil des Nervus vestibulocochlearis. Seine Aufgabe besteht darin, Informationen von Gleichgewichtsorgan und Hörschnecke zum Gehirn zu transportieren — genauer gesagt an den auditorischen Cortex, auch Hörrinde genannt. Die Infos werden zunächst über die Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr aufgenommen und anschließend zum Hörnerv geleitet, der sie dann weiterschickt. Über den Hörnerv werden jedoch nicht nur Meldungen an das Gehirn (auditorischer Cortex, Hörrinde) weitergeleitet, sondern er empfängt auch Befehle aus dem Gehirn und gibt sie an die Sinneszellen im Innenohr weiter.

Schematische Darstellung des Ohres und Innenohres bei Tinnitus

 3. Behandlung bei Tinnitus


Wir erklären dir in diesem Kapitel, wie wir deinem Tinnitus mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht begegnen können und welche Therapien in der herkömmlichen Medizin Anwendung finden. So bekommst du einen umfangreichen Überblick und kannst selbst entscheiden, welche Behandlung am besten zu dir passt.

3.1 Tinnitus behandeln mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht

Wie du vielleicht schon in anderen Beiträgen von uns gelesen hast, konnten wir beobachten, dass die meisten der heute auftretenden Beschwerden im Bewegungsapparat auf zu hohe muskulär-fasziale Spannungen und einseitige Belastungen und Bewegungsmuster zurückzuführen sind. Oft nutzt du in deinem Alltag — meist ohne, dass dir das bewusst ist — nur noch rund zehn Prozent der Bewegungsmöglichkeiten und Gelenkwinkel, die dein Körper eigentlich realisieren bzw. einnehmen kann. Die Muskeln und Faszien passen sich an die reduzierten Bewegungen an und “verkürzen”.

Beim Tinnitus betrifft das hauptsächlich den Bereich der Halswirbelsäule (HWS), den Nacken und die Kiefermuskulatur. Sitzt du vielleicht den ganzen Tag in immer derselben Position am Schreibtisch? Plagt dich Stress, sodass du nachts anfängst, mit den Zähnen zu knirschen?

Dein Körper versucht, die zu hohen Spannungen mit Gegenspannungen auszugleichen. Das führt allerdings dazu, dass Gelenkflächen und Wirbelkörper zu stark aufeinandergepresst werden. So kommt es beispielsweise auch zu einer Atlasblockade, die wiederum Tinnitus auslösen kann.

Osteopressurpunkte an der HWS gegen Tinnitus, gezeigt am Skelett.

Jede Menge Rezeptoren in deinem Körper registrieren die zu hohen Spannungen und melden diese ans Gehirn. Normalerweise schaltet das Gehirn dann einen sogenannten Alarmschmerz in der betroffenen Körperregion. Doch manchmal klingelt die Alarmglocke auch im Gehirn — das geschieht dann eben in Form eines Tinnitus. Er signalisiert, dass Bereiche deines Körpers aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht können gezielt Punkte am Knochen gedrückt werden, sodass die Schmerzen — oder in diesem Fall die Ohrgeräusche — gedämpft oder gar ganz eingestellt werden können. Wenn du unter Tinnitus leidest, gehe am besten zu einem der von uns ausgebildeten Schmerzspezialisten in deiner Nähe. Ist die Halswirbelsäule (HWS) der Auslöser für den Tinnitus, so wird sich der Erfolg mit dieser Therapie schnell zeigen und die Geräusche im Ohr werden abgeschwächt oder können verschwinden. Damit die Ohrgeräusche dann auch dauerhaft gedämpft werden oder besser ganz wegbleiben, ist es sehr wichtig, dass du regelmäßig unsere Übungen machst. Diese sorgen dafür, dass die Zugspannungen, die den Tinnitus ausgelöst haben, nicht wieder zu hoch werden.

Du möchtest lieber sofort selbst aktiv werden? Auch das ist kein Problem! Hierfür stehen dir zwei Möglichkeiten offen:

  • Du kannst mit unserem speziell entwickelten Drücker-Set einige der Punkte am Knochen selbst drücken. Eine Video-Anleitung, mit welchem Griffstück du am besten welche Punkte drücken solltest, haben wir dir in unserem Übungsbereich zusammengestellt. Wenn du unsicher bist, kannst du auch einen unserer Schmerzspezialisten um Rat fragen.
  • Du kannst auch gleich unsere Übungen gegen Tinnitus-Beschwerden ausprobieren. Mit den Übungen gehst du die Problemzonen (= Engpässe) im Nacken, in der HWS und im Kiefer effektiv an. Ziel der Übungen ist es, dass die Muskeln und Faszien wieder schön geschmeidig werden und sich Verhärtungen und Verkürzungen zurückbilden. So können die Beschwerden langfristig beseitigt werden. Welche Übungen helfen können und wie sie ausgeführt werden, zeigen wir dir Schritt für Schritt im nächsten Kapitel.

3.2 Tinnitus-Therapie in der herkömmlichen Medizin

Bei der Diagnose Tinnitus wird standardmäßig eine Fusionstherapie mit speziellen Lösungen über mehrere Tage hinweg durchgeführt. Der Erfolg und die Wirksamkeit dieser Therapie ist nicht einzuschätzen und kaum belegt, denn es gibt viele Patienten, deren Symptome sich dadurch nicht bessern.

Verschiedene Medikamente in einer Hand gegen Übersäuerung

Ein Tinnitus, der auf Stress zurückzuführen ist, wird übrigens im Akutfall mit sogenannten Glukokortikoiden (bestimmte Wirkstoffe in Medikamenten) behandelt, obwohl noch unklar ist, was diese Glukokortikoide genau im Körper bewirken. Manchmal kommt auch ein Mix aus Medikamenten mit Cortison in Kombination mit einer Sauerstofftherapie zum Einsatz. Durch die Sauerstofftherapie sollen die Sinneszellen und Nervenzellen im Ohr bei der Regeneration unterstützt werden. Doch auch bei der Sauerstofftherapie in Kombination mit Medikamenten gibt es keine validen Ergebnisse —  manchen Patienten hilft das also, anderen nicht.

Bei chronischem Tinnitus und einem hohen Leidensdruck der Patienten setzen viele Ärzte auf eine psychotherapeutische Verhaltenstherapie. Dabei geht es jedoch oftmals “nur” darum, mit dem Tinnitus zu leben und sich nicht mehr so von den Ohrgeräuschen stressen zu lassen.

Eine dieser Therapien ist die Tinnitus-Retraining-Therapie. Diese Behandlung umfasst eine Mischung aus medizinischer Beratung und Aufklärung, psychologischer Betreuung und Hörtherapie sowie bei Bedarf einen Tinnitus-Masker (Tongenerator als Hörgerät). Um diese Rauschgeräte richtig einstellen zu können, wird zunächst bei jedem Tinnituspatienten der passende Frequenzbereich ermittelt. Denn die Frequenzbereiche unterscheiden sich immer von Patient zu Patient und müssen individuell festgestellt und angepasst werden.

In einer Studie konnte ermittelt werden, dass nach 36 Monaten (nach Therapieende) rund 60 Prozent der Patienten keine Probleme mehr beim Einschlafen oder Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund des Tinnitus hätten. 18) Andere Studien kommen dagegen zu dem Schluss, dass Hörtraining bei Tinnitus keine Wirksamkeit auf eine veränderte Wahrnehmung des Tinnitus zeigt. 19)

Zu sehen ist ein Laptop mit einer speziellen Software. Mit dem Computer lassen sich Töne erzeugen, die einen Tinnitus überdecken.

Bei einigen Patienten kommt nur ein sogenannter Tongenerator (Tinnitus-Noiser) zum Einsatz. In der Form eines Hörgeräts sendet der Tinnitus-Noiser  konkurrierende Frequenzen ins betroffene Ohr und lenkt so vom eigentlichen Geschehen — also den im Gehirn entstehenden Tönen — ab. Jedoch wird in der aktuellen, bis 2020 gültigen S3-Leitlinie “Chronischer Tinnitus” explizit keine Empfehlung für Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) ausgesprochen. Die Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) können neusten Erkenntnissen zufolge eine Hyperaktivität und Hörwahrnehmungsstörungen auslösen und schaden dem Patienten eher. 20)

Als Hausmittel greifen viele Betroffene zu Präparaten mit Ginkgo. Denn Ginkgo enthält Wirkstoffe, die Ohrgeräuschen manchmal entgegenwirken können.

4. Übungen gegen Tinnitus — die Top-3-Übungen gegen Ohrgeräusche


Es kann sein, dass die Ursache für deinen Tinnitus in einer Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) liegt. Mit den folgenden Entspannungsübungen kannst du die verspannten Muskeln und Faszien in diesem Bereich lockern. Wenn du unsere Übungen noch nicht kennst, dann lies dir bitte zuerst unsere Checkliste unter der Übungsbeschreibung durch.

Übung zur Dehnung der Nacken- und Kiefermuskulatur gegen Tinnitus:

Frau rollt mit der großen Faszien-Kugel über die Backe, um dort die Verspannungen zu lösen.

Faszien-Rollmassage gegen Tinnitus:

Schnappe dir unsere Mini-Kugel oder eine vergleichbare Kugel und rolle spiralförmig und mit viel Druck den Kiefer und deine Kaumuskulatur an der Backe ab. An den Stellen, wo die Verspannungen besonders deutlich spürbar sind, bleibe länger und kreise auf der Stelle.

Frau rollt mit der Faszienrolle den Nacken entlang, um Verspannungen beim Tinnitus zu lösen.

Mit der Medi-Rolle gegen Nackenverspannungen:

Nimm unsere Medi-Rolle oder eine vergleichbare Rolle und setze sie im 45-Grad-Winkel hinter dem Ohr am Nacken an. Rolle nun langsam und mit viel Druck den Hals hinunter und löse so Verklebungen in den Faszien. Wiederhole die Übung auch auf der anderen Seite.

Frau dehnt die Kiefermuskulatur beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Kiefermuskulatur:

Setze dich gerade hin, umgreift mit einer Hand deinen Unterkiefer und öffne deinen Mund so weit wie möglich. Die Hand nimmst du zur Unterstützung, um die Muskulatur im Kiefer, der Backe und rund um den Mund mal wieder richtig schon weit aufzudehnen. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung. Es kann auch sein, dass der Tinnitus zunächst sein Geräusch ändert, oder sogar stärker wird, bevor die Beschwerden stark nachlassen. Lass dich also davon nicht entmutigen!

Frau dehnt sich den Nacken zur Behandlung beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Nackenmuskulatur:

Setze dich gerade hin und winkle den linken Arm an, denn so verhinderst du, dass du deine Schulter während der Dehnübung nach oben ziehst. Greife mit der rechten Hand über den Kopf zum linken Ohr und bringe den Kopf so in eine Dehnung. Du spürst die Dehnung seitlich an deinem Hals. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung und atme dabei gleichmäßig. Wechsle danach die Seite und löse deine Verspannungen und Muskelverhärtungen auch auf der anderen Seite.

Variiere die Übung, indem du den Kopf um 45 Grad zur Seite neigst und ihn dann wie gewohnt zur Seite dehnst. So werden noch einmal andere Muskelstränge an deinem Hals gedehnt.

📌 Checkliste für die Liebscher & Bracht-Übungen

Damit bei unseren Übungen auch wirklich nichts schiefgeht, haben wir dir sechs wichtige Tipps zusammengestellt. Sie sollen dir helfen, die Übungen leicht in deinen Alltag integrieren und optimale Ergebnisse erzielen zu können.

✅ Übe an sechs Tagen pro Woche und führe dabei jede Übung mindestens einmal täglich aus.

✅ Für jede Übung solltest du zwei bis zweieinhalb Minuten investieren. Fängst du gerade erst mit den Übungen an oder ist der Schmerz noch zu stark, kannst du dich auch allmählich steigern. Bedenke allerdings, dass Dehnungen nur für einige Sekunden keinen oder kaum den gewünschten Effekt bringen.

✅ Orientiere dich immer an deiner persönlichen Schmerzskala von eins bis zehn. Die besten Ergebnisse erzielst du, wenn du bei jeder Dehnung auf einer Stufe von acht oder neun arbeitest. Neun bedeutet: Du spürst einen intensiven Schmerz, kannst aber noch ruhig atmen und musst nicht gegenspannen.

✅ Ein noch erträglicher Schmerz ist für dich der wichtigste Anhaltspunkt. Hab also keine Angst vor ihm: Dein Körper weist dich darauf hin, dass du den muskulären „Verkürzungen“ genau an der richtigen Stelle entgegenwirkst.

✅ Sei geduldig — auch wenn es schwerfällt. Es kann etwas dauern, bis dein Gehirn neue Bewegungsprogramme speichert. Doch wenn du am Ball bleibst und die Übungen zu deiner täglichen Routine machst, kannst du dir deine Schmerz-Freiheit zurückerobern.

✅ Sollten die Schmerzen aufgrund der Übungen zunehmen, besteht kein Grund zur Panik. Eine Erstverschlimmerung kann eine normale Reaktion deines Körpers sein. Wenn sich deine gesamte Körperstatik durch regelmäßiges Training verändert, muss sich der Bewegungsapparat erst nach und nach daran anpassen. Geht es dir nach den Übungen aber dauerhaft schlechter statt besser, signalisiert dir dein Körper, dass du es womöglich übertreibst. Pausiere dann einfach für einen oder zwei Tage und/oder verringere bei deinen nächsten Übungseinheiten ein wenig die Intensität, um dich anschließend wieder in kleinen Schritten zu steigern. So führst du deinen Körper schonend an die für dich richtige Acht oder Neun auf der Schmerzskala heran.

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Rundes Bild, aufwärts vom Hals ab, von Roland Liebscher - Bracht lächelnd mit weißen Hintergrund
Mann greift gequält zum Ohr aufrund eines Tinnitus.

© aleks333 | shutterstock.com

Bei Tinnitus ist schnelle Hilfe gefragt. Alles zu den Ursachen und Auslösern sowie die richtigen Übungen gegen das nervige Piepen im Ohr gibt’s hier.

Permanente Ohrgeräusche treiben dich in den Wahnsinn? Es hört sich an, als ob dauernd etwas in deinem Ohr rauscht, summt, pfeift oder piept? Dann weißt du: Der Tinnitus hat sich in deinem Ohr breitgemacht. Stress und verspannte Muskeln im Nacken oder ein verschobener Atlas-Wirbel können das Problem auslösen oder verstärken. Geht der Tinnitus nicht nach kurzer Zeit von selbst weg, wird er für die Betroffenen zu einer riesigen Belastung. Sie meiden laute Umgebungen, wie Bars oder Restaurants, und ziehen sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück. Wir möchten diesen Prozess stoppen, damit der Tinnitus dein Leben nicht länger beherrscht!  

Deshalb klären wir in diesem Beitrag,

  • woher deine nervigen Ohrgeräusche beim Tinnitus kommen,
  • welche Faktoren den Tinnitus auslösen oder verschlimmern
  • und mit welchen Strategien du deine Beschwerden lindern kannst.
  • Dazu zeigen wir dir auch einige Übungen, die du zuhause selbst machen kannst.

Wir möchten dich auf deinem Weg zu mehr Lebensqualität — im Zweifelsfall trotz Tinnitus — begleiten und idealerweise den Tinnitus auf Nimmerwiedersehen in die Wüste schicken.

1. Tinnitus im Überblick

Fast jeder hatte ihn schon einmal — den nervtötenden Tinnitus mit eklig piependen Geräuschen im Ohr. Bei den meisten hören die Ohrgeräusche nach kurzer Zeit wieder von alleine auf. Doch eben nicht bei allen: Rund zehn Prozent der Allgemeinbevölkerung und damit Millionen Menschen in Deutschland sind von einem Tinnitus betroffen — akut und chronisch.

Was genau ist ein Tinnitus?

Als Tinnitus wird die Wahrnehmung von Geräuschen ohne zugrunde liegende Signale aus der Umwelt verstanden. Das bedeutet, dass dein Gehirn diese Geräusche selbst bildet und es keine äußerliche Schallquelle gibt. Deswegen können andere Personen deinen Tinnitus auch nicht hören. Bei Tinnituspatienten, bei denen nach der Untersuchung feststeht, dass die Ohrgeräusche nicht im Ohr entstehen, spricht man medizinisch von einem pulssynchronen Tinnitus. Zudem hört sich der Tinnitus bei jedem Betroffenen ein klein wenig anders an: mal wie das Echolot eines Schiffs, mal wie eine Säge und mal wie ein hoher piepender Ton, den manchmal auch Ladegeräte von Smartphones von sich geben.

Wer ist betroffen?

Laut einer Studie der deutschen Tinnitus-Liga kommt es jährlich bei etwa zehn Millionen Deutschen zur Tinnitusneuerkrankung. 21) Aus dieser Gruppe leiden jedoch nicht alle unter einem dauerhaften Tinnitus. Die meisten Ohrgeräusche sind akut (= dauern weniger als drei Monate an) und verschwinden schnell wieder. Rund vier Prozent der deutschen Bevölkerung quält sich mit einem chronischen Tinnitus (Pulssynchroner Tinnitus) herum. Das Ohrensausen ist bei diesen Betroffenen auch nach drei Monaten nicht wieder verschwunden.

Dauert der Tinnitus so lange an, wird er oft zur großen Belastung. Wenn du selbst unter den nervigen Geräuschen leidest, kennst du das vielleicht von dir. Die Konzentration sinkt, laute Umgebungen wie Bars oder auf kulturellen Veranstaltungen werden zur Qual. Tinnituspatienten ziehen sich immer mehr zurück und das soziale Miteinander leidet ebenso wie die Lebensqualität.

Zwillinge liegen auf einem Sofa auf einem Balkon und leiden unter Tinnitus

Schon gewusst? Studien haben ergeben, dass das Ohrensausen auch erblich sein kann. Untersuchungen mit eineiigen und zweieiigen Zwillingen legen diesen Schluss nahe — allerdings gilt das nur, wenn der Tinnitus auf beiden Ohren auftritt. 22)

Wir möchten dir in Kapitel 2 mögliche Ursachen und Auslöser für die Ohrerkrankung Tinnitus aufzeigen, die vielleicht auch bei dir in Frage kommen. Im Kapitel Behandlung (Kap. 3) erklären wir dir dann, welche Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe dir offenstehen. Zum Schluss zeigen wir dir Übungen, die helfen können, die Ohrgeräusche zu mindern oder sogar ganz verschwinden lassen.

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2. Symptome, Ursachen und Diagnose des Tinnitus

Ohrgeräusche sind dein ständiger Begleiter und das Rauschen stammt nicht von der letzten Partynacht? Dann kann es sein, dass du einen Tinnitus hast. Die Symptome, Ausprägungen, Schweregrade und wahrgenommenen Frequenzbereiche der Erkrankung sind allerdings sehr unterschiedlich und individuell ausgeprägt. Wir fassen dir hier zusammen, was viele Betroffene berichten:

Der Tinnitus hört sich an wie ein

  • Klingeln,
  • Rauschen oder Ohrensausen,
  • Brummen,
  • Knacken,
  • Knistern,
  • Zischen oder
  • Klopfen

im Ohr.

Als Begleiterscheinungen dieser ersten (primären) Symptome folgen mit der Zeit weitere (sekundäre) Symptome — je nach Schweregrad der Krankheit. Dazu gehören:

Forscher haben herausgefunden, dass zwar nur die Betroffenen den Tinnitus hören können, der Tinnitus jedoch teilweise messbar ist, da es zu Hörminderungen, Hörstörungen oder zeitweise sogar zu einem Hörverlust kommt. So kann die Ohrerkrankung Tinnitus als Symptom oder auch als Minimalvariante eines Hörsturzes betrachtet werden. Dabei kommt es zu einer Hörstörung mit temporärem Hörverlust. Auch Schädigungen des Hörnervs und der Nervenzellen im Ohr können ursächlich sein.

Wecker steht auf einem Tisch und das Ticken der Zeiger ist so laut wie ein Tinnitus.

Wie laut ist ein Tinnitus?

Messungen haben ergeben, dass die Tinnitus-Geräusche etwa 5–10 Dezibel (dB) laut sind. Das entspricht in etwa der Lautstärke von raschelnden Blättern, des Atems oder des Tickens einer Uhr. Die Tatsache, dass dieser Lärm auf Dauer nicht besonders angenehm ist, kann auch jeder verstehen, der nicht unter der Ohrerkrankung Tinnitus leidet. Denn wer hat folgende Situation nicht schon einmal erlebt: Man möchte schlafen oder wieder einschlafen, aber das Ticken der Uhr an der Wand treibt einen in den Wahnsinn. Das eigentlich gar nicht so laute Ticken wird so unerträglich wie der Lärm der Großbaustelle von nebenan. Am nächsten Tag fühlt man sich dann extrem unausgeruht. Jetzt stell dir vor, das wäre jede Nacht so —  dann weißt du, wie es einem Menschen mit Tinnitus geht.

2.1 Was sind die Ursachen für einen Tinnitus?

Eine eindeutige Ursache für den Tinnitus ist nicht bekannt. Gleiches gilt für den Hörsturz. Doch es gibt einige Theorien über die Ursachen der Erkrankung: 23)

  • eine verringerte Durchblutung (Hypotonie) im Innenohr durch enge Blutgefäße,
  • eine erhöhte Durchblutung (Hypertonie) im Innenohr mit weiten Blutgefäßen, die über eine Mangelversorgung (Ischämie) zur veränderten Geräuschentstehung führt,
  • Veränderungen im Bereich des Mittelohrs (wie Otitis (Ohrenentzündung), Tubenkatarrh (Entzündung der Schleimhaut in der Nase mit Druckgefühl im Ohr) oder Otosklerose (Erkrankung des Knochens im Innenohr)),
  • Schädigungen der Nerven im Ohr — besonders des Hörnervs im Innenohr,
  • Tinnitus als Begleitsymptom eines Hörsturzes (oft mit Schwerhörigkeit),
  • Tinnitus als Begleitsymptom von Morbus Meniére (mit Schwindel und Schwerhörigkeit) sowie
  • Tinnitus nach einem akustischen Trauma,
  • bei einem verschobenen Atlaswirbel oder
  • als Reaktion auf bestimmte Medikamente.

Mögliche weitere, aber seltene Auslöser für Tinnitus sind:

  • Hirntumore,
  • Tumore am Hörnerv,
  • Schlaganfall,
  • Multiple Sklerose (MS) und
  • Schädel-Hirn-Traumata.

Wir möchten dir an dieser Stelle zwei Modelle zur Erklärung der Tinnitus-Entstehung näher erläutern:

Zu sehen ist ein Lautsprecher. Der Lautsprecher erzeugt laute Geräusche, die zum Hörsturz und Tinnitus führen können.

Eine Erklärung für den Tinnitus ist, dass Lücken im Frequenzspektrum bestehen — beispielsweise aufgrund einer Störung der Schallleitung (durch Otitis oder Tubenkatarrh). Auch eine Schädigung im Innenohr (Knalltrauma, Infektion), die Sinneszellen zerstört, kann ursächlich sein. Das Gehirn versucht dann, den akustischen Mangel auszugleichen, indem es eigene Geräusche — den Tinnitus — erzeugt. Dein Gehirn mag nämlich keine absolute Stille und ist deshalb bemüht, die Lautlosigkeit akustisch zu füllen. Nach dieser Theorie erzeugt also nicht dein Hörorgan, sondern das Gehirn die Geräusche. Häufiger Auslöser oder Verstärker dieses Prozesses ist Stress. 24)

Hände zeigen auf den verspannten Nacken einer Frau. Diese Verspannungen können der Auslöser für Tinnitus sein.

Eine andere Erklärung für Schwindel und Ohrgeräusche, die sicherlich in vielen Fällen zutrifft, ist eine Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS). Auch wir konnten in unserer Schmerztherapie immer wieder beobachten, dass Muskelverspannungen im Nacken und Gelenkbeschwerden, beispielsweise am Atlaswirbel, den Tinnitus hervorrufen können. Häufige Ursachen für die Probleme im Nacken und am Atlas sind Fehlhaltungen (oft im Büroalltag) und einseitige Belastungen. Wie du deinen Nacken entspannen und so deine Beschwerden in den Griff bekommen kannst, zeigen wir dir im Kapitel Übungen.   

Welche Faktoren verstärken den Tinnitus?

Der gravierendste Auslöser, der das Fass zum Überlaufen bringt oder den Tinnitus verstärkt, ist Stress. Stress kann also einerseits die Ohrgeräusche auslösen. Sollte dies nicht die Ursache sein, fühlen sich Patienten andererseits von dem Piepen im Ohr genervt, wodurch Stress das Problem verstärken kann. 25) Du siehst, hier entsteht schnell ein Teufelskreis, der nicht immer leicht zu durchbrechen ist. Doch wir unterstützen dich dabei.

Übrigens sorgt Stress auch dafür, dass deine Muskulatur verkrampft und deine Faszien verfilzen. Die zu hohen muskulär-faszialen Spannungen (durch den Stress) verursachen oder verstärken eine Funktionsstörung im Bereich des Nackens und des Atlaswirbels in der Halswirbelsäule bis hoch zum Kiefer (Bruxismus). Studien bestätigen unsere eigenen Beobachtungen: Es konnte in Untersuchungen von Tinnituspatienten ein gehäuftes Auftreten von Bruxismus (Zähneknirschen) belegt werden. 26)

Wie trägt chronischer Stress im Detail zur Tinnitusentstehung bei?

Bei permanentem (chronischen) Stress wird vermehrt Kortisol ausgeschüttet, was insgesamt zu einer erhöhten Energiebereitstellung führt. Zusätzlich wird die Ausschüttung von Glutamat und Calcium getriggert. Da sich in der Cochlea (Hörschnecke, Gehörschnecke) viele Glukokortikoid-Rezeptoren (Rezeptoren für den Zucker Stoffwechsel) befinden, an denen die Stoffe andocken, kann es zur verstärkten Bildung von Aktionspotentialen kommen. Dies wird im Gehirn als Hyperaktivität wahrgenommen und kann als Tinnitus interpretiert (ausgespielt) werden. Oft leidet der Tinnituspatient dann auch insgesamt unter Hörminderungen. In einer Behandlung kann versucht werden, das Ungleichgewicht der Mikronährstoffe mit dem Mikronährstoff Magnesium zu kompensieren und so die Beschwerden zu lindern. 27) Mehr zum Thema Ernährung und zur Rolle der Mikronährstoffe findest du hier.

Die gute Nachricht für dich: Wenn Beschwerden an Kiefer, Nacken oder der Halswirbelsäule vorliegen, können wir dich mit unserer Schmerztherapie gut behandeln. Mehr dazu erfährst du im nächsten Kapitel.  Kommt dein Tinnitus also daher, so kannst du mit unseren Übungen sogar selbst etwas tun, damit die nervtötenden Ohrgeräusche gedämpft werden und hoffentlich schnell verschwinden.

2.2 Wie wird die Diagnose Tinnitus gestellt?

Pfeift es in den Ohren, führt der erste Gang meist zum Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt). Der HNO-Arzt untersucht dann, ob beispielsweise Veränderungen im Mittelohr vorliegen, die das Problem erklären könnten. Sollte ein Tumor (z. B. ein gutartiges Vestibularisschwannom) das Problem sein, so wird dieser in der Regel bei der Untersuchung diagnostiziert. Handelt es sich um einen pulsierenden (pulssynchronen) Tinnitus, sollten zusätzlich Gefäßanomalien wie Aneurysmen (krankhafte Aussackungen) ausgeschlossen werden.

Abgebildet ist ein Otoskop, mit dem man das Ohr bei Verdacht auf Tinnitus auf andere Auffälligkeiten untersucht.

Zur Erkennung von Hörstörungen werden beispielsweise auch otoakustische Emissionen (OEA) überprüft. Otoakustische Emissionen bezeichnet dabei die Messung von Schall an den äußeren Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr und Gehörgang. Auch die Hörfähigkeit wird auf diese Weise überprüft und lässt Rückschlüsse auf andere Krankheiten im Ohr zu.  

In über 99 Prozent der Fälle findet der HNO-Arzt jedoch keine Ursache für den Tinnitus. Die Diagnose lautet dann „Tinnitus mit unbekannter Ursache“. Wir sind der Meinung, dass auch deswegen so oft keine Ursache für den Tinnitus gefunden wird, weil die Halswirbelsäule (HWS) “übersehen” und damit nicht untersucht wird.   

Übrigens sollte gerade bei Kindern mit Verdacht auf Tinnitus eine Verwechslung mit einer Hyperakusis ausgeschlossen werden. Unter einer Hyperakusis versteht man die krankhafte Überempfindlichkeit gegenüber Schall.

Exkurs — Das Ohr und Aufbau des Hörnervs:

Der Hörnerv ist ein Teil des Nervus vestibulocochlearis. Seine Aufgabe besteht darin, Informationen von Gleichgewichtsorgan und Hörschnecke zum Gehirn zu transportieren — genauer gesagt an den auditorischen Cortex, auch Hörrinde genannt. Die Infos werden zunächst über die Haarzellen (auch Haarsinneszellen genannt) im Innenohr aufgenommen und anschließend zum Hörnerv geleitet, der sie dann weiterschickt. Über den Hörnerv werden jedoch nicht nur Meldungen an das Gehirn (auditorischer Cortex, Hörrinde) weitergeleitet, sondern er empfängt auch Befehle aus dem Gehirn und gibt sie an die Sinneszellen im Innenohr weiter.

Schematische Darstellung des Ohres und Innenohres bei Tinnitus

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Die 4 effektivsten Übungen gegen Nackenschmerzen:
Ratgeber Nackenschmerzen von Roland Liebscher-Bracht im Flyerformat. Zu sehen sind Titelseite und der aufgeschlagene Ratgeber.
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3. Behandlung bei Tinnitus

Wir erklären dir in diesem Kapitel, wie wir deinem Tinnitus mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht begegnen können und welche Therapien in der herkömmlichen Medizin Anwendung finden. So bekommst du einen umfangreichen Überblick und kannst selbst entscheiden, welche Behandlung am besten zu dir passt.

3.1 Tinnitus behandeln mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht

Wie du vielleicht schon in anderen Beiträgen von uns gelesen hast, konnten wir beobachten, dass die meisten der heute auftretenden Beschwerden im Bewegungsapparat auf zu hohe muskulär-fasziale Spannungen und einseitige Belastungen und Bewegungsmuster zurückzuführen sind. Oft nutzt du in deinem Alltag — meist ohne, dass dir das bewusst ist — nur noch rund zehn Prozent der Bewegungsmöglichkeiten und Gelenkwinkel, die dein Körper eigentlich realisieren bzw. einnehmen kann. Die Muskeln und Faszien passen sich an die reduzierten Bewegungen an und “verkürzen”.

Beim Tinnitus betrifft das hauptsächlich den Bereich der Halswirbelsäule (HWS), den Nacken und die Kiefermuskulatur. Sitzt du vielleicht den ganzen Tag in immer derselben Position am Schreibtisch? Plagt dich Stress, sodass du nachts anfängst, mit den Zähnen zu knirschen?

Dein Körper versucht, die zu hohen Spannungen mit Gegenspannungen auszugleichen. Das führt allerdings dazu, dass Gelenkflächen und Wirbelkörper zu stark aufeinandergepresst werden. So kommt es beispielsweise auch zu einer Atlasblockade, die wiederum Tinnitus auslösen kann.

Osteopressurpunkte an der HWS gegen Tinnitus, gezeigt am Skelett.

Jede Menge Rezeptoren in deinem Körper registrieren die zu hohen Spannungen und melden diese ans Gehirn. Normalerweise schaltet das Gehirn dann einen sogenannten Alarmschmerz in der betroffenen Körperregion. Doch manchmal klingelt die Alarmglocke auch im Gehirn — das geschieht dann eben in Form eines Tinnitus. Er signalisiert, dass Bereiche deines Körpers aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Mit der Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht können gezielt Punkte am Knochen gedrückt werden, sodass die Schmerzen — oder in diesem Fall die Ohrgeräusche — gedämpft oder gar ganz eingestellt werden können. Wenn du unter Tinnitus leidest, gehe am besten zu einem der von uns ausgebildeten Schmerzspezialisten in deiner Nähe. Ist die Halswirbelsäule (HWS) der Auslöser für den Tinnitus, so wird sich der Erfolg mit dieser Therapie schnell zeigen und die Geräusche im Ohr werden abgeschwächt oder können verschwinden. Damit die Ohrgeräusche dann auch dauerhaft gedämpft werden oder besser ganz wegbleiben, ist es sehr wichtig, dass du regelmäßig unsere Übungen machst. Diese sorgen dafür, dass die Zugspannungen, die den Tinnitus ausgelöst haben, nicht wieder zu hoch werden.

Du möchtest lieber sofort selbst aktiv werden? Auch das ist kein Problem! Hierfür stehen dir zwei Möglichkeiten offen:

  • Du kannst mit unserem speziell entwickelten Drücker-Set einige der Punkte am Knochen selbst drücken. Eine Video-Anleitung, mit welchem Griffstück du am besten welche Punkte drücken solltest, haben wir dir in unserem Übungsbereich zusammengestellt. Wenn du unsicher bist, kannst du auch einen unserer Schmerzspezialisten um Rat fragen.
  • Du kannst auch gleich unsere Übungen gegen Tinnitus-Beschwerden ausprobieren. Mit den Übungen gehst du die Problemzonen (= Engpässe) im Nacken, in der HWS und im Kiefer effektiv an. Ziel der Übungen ist es, dass die Muskeln und Faszien wieder schön geschmeidig werden und sich Verhärtungen und Verkürzungen zurückbilden. So können die Beschwerden langfristig beseitigt werden. Welche Übungen helfen können und wie sie ausgeführt werden, zeigen wir dir Schritt für Schritt im nächsten Kapitel.

3.2 Tinnitus-Therapie in der herkömmlichen Medizin

Bei der Diagnose Tinnitus wird standardmäßig eine Fusionstherapie mit speziellen Lösungen über mehrere Tage hinweg durchgeführt. Der Erfolg und die Wirksamkeit dieser Therapie ist nicht einzuschätzen und kaum belegt, denn es gibt viele Patienten, deren Symptome sich dadurch nicht bessern.

Verschiedene Medikamente in einer Hand gegen Übersäuerung

Ein Tinnitus, der auf Stress zurückzuführen ist, wird übrigens im Akutfall mit sogenannten Glukokortikoiden (bestimmte Wirkstoffe in Medikamenten) behandelt, obwohl noch unklar ist, was diese Glukokortikoide genau im Körper bewirken. Manchmal kommt auch ein Mix aus Medikamenten mit Cortison in Kombination mit einer Sauerstofftherapie zum Einsatz. Durch die Sauerstofftherapie sollen die Sinneszellen und Nervenzellen im Ohr bei der Regeneration unterstützt werden. Doch auch bei der Sauerstofftherapie in Kombination mit Medikamenten gibt es keine validen Ergebnisse —  manchen Patienten hilft das also, anderen nicht.

Bei chronischem Tinnitus und einem hohen Leidensdruck der Patienten setzen viele Ärzte auf eine psychotherapeutische Verhaltenstherapie. Dabei geht es jedoch oftmals “nur” darum, mit dem Tinnitus zu leben und sich nicht mehr so von den Ohrgeräuschen stressen zu lassen.

Eine dieser Therapien ist die Tinnitus-Retraining-Therapie. Diese Behandlung umfasst eine Mischung aus medizinischer Beratung und Aufklärung, psychologischer Betreuung und Hörtherapie sowie bei Bedarf einen Tinnitus-Masker (Tongenerator als Hörgerät). Um diese Rauschgeräte richtig einstellen zu können, wird zunächst bei jedem Tinnituspatienten der passende Frequenzbereich ermittelt. Denn die Frequenzbereiche unterscheiden sich immer von Patient zu Patient und müssen individuell festgestellt und angepasst werden.

In einer Studie konnte ermittelt werden, dass nach 36 Monaten (nach Therapieende) rund 60 Prozent der Patienten keine Probleme mehr beim Einschlafen oder Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund des Tinnitus hätten. 28) Andere Studien kommen dagegen zu dem Schluss, dass Hörtraining bei Tinnitus keine Wirksamkeit auf eine veränderte Wahrnehmung des Tinnitus zeigt. 29)

Zu sehen ist ein Laptop mit einer speziellen Software. Mit dem Computer lassen sich Töne erzeugen, die einen Tinnitus überdecken.

Bei einigen Patienten kommt nur ein sogenannter Tongenerator (Tinnitus-Noiser) zum Einsatz. In der Form eines Hörgeräts sendet der Tinnitus-Noiser  konkurrierende Frequenzen ins betroffene Ohr und lenkt so vom eigentlichen Geschehen — also den im Gehirn entstehenden Tönen — ab. Jedoch wird in der aktuellen, bis 2020 gültigen S3-Leitlinie “Chronischer Tinnitus” explizit keine Empfehlung für Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) ausgesprochen. Die Rauschgeneratoren (Rauschgeräte) können neusten Erkenntnissen zufolge eine Hyperaktivität und Hörwahrnehmungsstörungen auslösen und schaden dem Patienten eher. 30)

Als Hausmittel greifen viele Betroffene zu Präparaten mit Ginkgo. Denn Ginkgo enthält Wirkstoffe, die Ohrgeräuschen manchmal entgegenwirken können.

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4. Übungen gegen Tinnitus -- die Top-3-Übungen gegen Ohrgeräusche

Es kann sein, dass die Ursache für deinen Tinnitus in einer Funktionsstörung im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) liegt. Mit den folgenden Entspannungsübungen kannst du die verspannten Muskeln und Faszien in diesem Bereich lockern. Wenn du unsere Übungen noch nicht kennst, dann lies dir bitte zuerst unsere Checkliste unter der Übungsbeschreibung durch.

Übung zur Dehnung der Nacken- und Kiefermuskulatur gegen Tinnitus:

Frau rollt mit der großen Faszien-Kugel über die Backe, um dort die Verspannungen zu lösen.

Faszien-Rollmassage gegen Tinnitus:

Schnappe dir unsere Mini-Kugel oder eine vergleichbare Kugel und rolle spiralförmig und mit viel Druck den Kiefer und deine Kaumuskulatur an der Backe ab. An den Stellen, wo die Verspannungen besonders deutlich spürbar sind, bleibe länger und kreise auf der Stelle.

Frau rollt mit der Faszienrolle den Nacken entlang, um Verspannungen beim Tinnitus zu lösen.

Mit der Medi-Rolle gegen Nackenverspannungen:

Nimm unsere Medi-Rolle oder eine vergleichbare Rolle und setze sie im 45-Grad-Winkel hinter dem Ohr am Nacken an. Rolle nun langsam und mit viel Druck den Hals hinunter und löse so Verklebungen in den Faszien. Wiederhole die Übung auch auf der anderen Seite.

Frau dehnt die Kiefermuskulatur beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Kiefermuskulatur:

Setze dich gerade hin, umgreift mit einer Hand deinen Unterkiefer und öffne deinen Mund so weit wie möglich. Die Hand nimmst du zur Unterstützung, um die Muskulatur im Kiefer, der Backe und rund um den Mund mal wieder richtig schon weit aufzudehnen. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung. Es kann auch sein, dass der Tinnitus zunächst sein Geräusch ändert, oder sogar stärker wird, bevor die Beschwerden stark nachlassen. Lass dich also davon nicht entmutigen!

Frau dehnt sich den Nacken zur Behandlung beim Tinnitus.

Entspannungsübung zur Dehnung der Nackenmuskulatur:

Setze dich gerade hin und winkle den linken Arm an, denn so verhinderst du, dass du deine Schulter während der Dehnübung nach oben ziehst. Greife mit der rechten Hand über den Kopf zum linken Ohr und bringe den Kopf so in eine Dehnung. Du spürst die Dehnung seitlich an deinem Hals. Bleibe für zwei Minuten in der Dehnung und atme dabei gleichmäßig. Wechsle danach die Seite und löse deine Verspannungen und Muskelverhärtungen auch auf der anderen Seite.

Variiere die Übung, indem du den Kopf um 45 Grad zur Seite neigst und ihn dann wie gewohnt zur Seite dehnst. So werden noch einmal andere Muskelstränge an deinem Hals gedehnt.

📌 Checkliste für die Liebscher & Bracht-Übungen

Damit bei unseren Übungen auch wirklich nichts schiefgeht, haben wir dir sechs wichtige Tipps zusammengestellt. Sie sollen dir helfen, die Übungen leicht in deinen Alltag integrieren und optimale Ergebnisse erzielen zu können.

✅ Übe an sechs Tagen pro Woche und führe dabei jede Übung mindestens einmal täglich aus.

✅ Für jede Übung solltest du zwei bis zweieinhalb Minuten investieren. Fängst du gerade erst mit den Übungen an oder ist der Schmerz noch zu stark, kannst du dich auch allmählich steigern. Bedenke allerdings, dass Dehnungen nur für einige Sekunden keinen oder kaum den gewünschten Effekt bringen.

✅ Orientiere dich immer an deiner persönlichen Schmerzskala von eins bis zehn. Die besten Ergebnisse erzielst du, wenn du bei jeder Dehnung auf einer Stufe von acht oder neun arbeitest. Neun bedeutet: Du spürst einen intensiven Schmerz, kannst aber noch ruhig atmen und musst nicht gegenspannen.

✅ Ein noch erträglicher Schmerz ist für dich der wichtigste Anhaltspunkt. Hab also keine Angst vor ihm: Dein Körper weist dich darauf hin, dass du den muskulären „Verkürzungen“ genau an der richtigen Stelle entgegenwirkst.

✅ Sei geduldig — auch wenn es schwerfällt. Es kann etwas dauern, bis dein Gehirn neue Bewegungsprogramme speichert. Doch wenn du am Ball bleibst und die Übungen zu deiner täglichen Routine machst, kannst du dir deine Schmerz-Freiheit zurückerobern.

✅ Sollten die Schmerzen aufgrund der Übungen zunehmen, besteht kein Grund zur Panik. Eine Erstverschlimmerung kann eine normale Reaktion deines Körpers sein. Wenn sich deine gesamte Körperstatik durch regelmäßiges Training verändert, muss sich der Bewegungsapparat erst nach und nach daran anpassen. Geht es dir nach den Übungen aber dauerhaft schlechter statt besser, signalisiert dir dein Körper, dass du es womöglich übertreibst. Pausiere dann einfach für einen oder zwei Tage und/oder verringere bei deinen nächsten Übungseinheiten ein wenig die Intensität, um dich anschließend wieder in kleinen Schritten zu steigern. So führst du deinen Körper schonend an die für dich richtige Acht oder Neun auf der Schmerzskala heran.

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Roland Liebscher-Bracht

SPIEGEL-Bestseller Autor von “Deutschland hat Rücken” & Schmerzspezialist

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Quellen & Studien   [ + ]