5. Ursache: Wie und warum entstehen Triggerpunkte?

In den Muskelsträngen eines grafisch dargestellten Körpers sind Druckpunkte/Triggerpunkte markiert

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TRIGGERPUNKTE ERFOLGREICH BEHANDELN

So funktioniert die Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht

Roland Liebscher-Bracht und eine Patientin sitzen nach einer erfolgreichen Behandlung nebeneinander. Sie zeigen beide einen Daumen-hoch
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5.1 Risiko-Faktoren für Triggerpunkte


Myofasziale Triggerpunkte bilden sich, unabhängig vom Alter, bei jedem Menschen. Auch Kinder können betroffen sein. Studien zeigen, dass bestimmte Faktoren ihre Entstehung begünstigen.

anstrengende Haltungen oder sich häufig wiederholende Bewegungsabläufe

Bestes Beispiel ist langes Sitzen vor dem Computer, das auf Dauer zu Fehlhaltungen führt. In dieser Körperhaltung sind die Arme nach vorne gebeugt, die Beine angewinkelt und der Rücken oft gekrümmt. Manche Muskeln werden stärker beansprucht, während andere gar nicht aktiv sind. Das Gewebe passt sich dieser Haltung nach und nach an. 

falsch ausgeführte Bewegungen oder Überbelastung

Im Sport kann es schnell zu einer Überbelastung des Bewegungsapparates kommen. Durch häufig wiederholte Bewegungen arbeiten immer die gleichen Muskeln. Als Folge der Fehlbelastung kontrahiert das Muskelgewebe ständig – ohne ausreichende Entspannung und ohne Ausgleich.

Die dauerhaft aktiven Muskelpartien ermüden und bilden, sofern keine ausgleichende Bewegung erfolgt, den Nährboden für myofasziale Triggerpunkte. 

keine oder nur eingeschränkte Bewegung

Bettlägerige und pflegebedürftige Menschen sind durch den Bewegungsmangel häufig von Kontrakturen der Muskulatur betroffen. Deshalb muss in solchen Fällen die Muskulatur von jemand anderem durchbewegt werden, um Triggerpunkte zu vermeiden.   

Auslöser, die den Muskeltonus erhöhen

Auch den Muskeltonus erhöhende Auslöser können Triggerpunkte bedingen, zum Beispiel Gelenkdysfunktionen an der Wirbelsäule, eine ungünstige Schlafposition oder langes Autofahren.1) 

Traumata und psychische Faktoren

Unvorhersehbare Faktoren wie Unfälle sowie jede andere körperliche Verletzung können Triggerpunkte auslösen. Bei einem Autounfall kann beispielsweise die Halsmuskulatur so weit überdehnt werden, dass ein sogenanntes Schleudertrauma entsteht. Doch nicht nur die körperlichen Faktoren sind zu beachten, sondern auch emotionale und psychische Probleme, die eine dauerhafte Anspannung der Muskulatur befördern können.

Ernährung

Auch die Ernährung ist ein entscheidender Faktor. Ein Mangel an Mikronährstoffen wie Eisen, Folsäure und Vitamin B12 wirkt sich schnell auf die Funktion der Muskeln aus. Nur wenn der Nährstoffspiegel hoch genug ist, funktionieren alle Muskeln reibungslos.

Stoffwechselstörungen wie Schilddrüsenunterfunktion oder Blutunterzuckerung führen dazu, dass sich Triggerpunkte schwerer behandeln lassen.2)

Roland Liebscher - Bracht lächelt in die Kamera. Es ist nur sein Kopf zu sehen und ein runder Kreis ist um ihn herum gezogen.

Roland Liebscher-Bracht

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5.2 Wie entstehen Triggerpunkt-Schmerzen?


Bei myofaszialen Triggerpunkten liegt eine dauerhafte Kontraktion von Sarkomeren innerhalb eines Muskelfaserbündels vor. Doch wie wird diese Kontraktion ausgelöst, was hält sie aufrecht und wieso verursacht sie Schmerzen? Diese Frage nach der Entstehung von Triggerpunkten wird in der Forschung bis heute kontrovers diskutiert. Das derzeit gängige Erklärungsmodell ist die sogenannte integrierte Hypothese.

Zum Verständnis: Die Muskelkontraktion

Nach der integrierten Hypothese sind vor allem diejenigen Muskelbestandteile an der Entstehung von Triggerpunkten beteiligt, die zentral für die Muskelkontraktion sind, also das Zusammenziehen von Muskeln.

  • Skelettmuskeln bestehen aus Bündeln von Muskelfasern mit Myofibrillen.
  • Die Myofibrillen selbst setzen sich aus Sarkomeren zusammen, den kleinsten Bestandteilen des Muskels, die für die Muskelkontraktion entscheidend sind.
  • Sarkomere wiederum bestehen aus Myofilamenten – fadenförmige Proteine, die hauptsächlich aus den Proteinpolymeren Aktin und Myosin aufgebaut sind.
Zeichnerische Darstellung des Aufbaus von Muskeln mit Muskelfaserbündel. Muskelfasern, Myofibrillen und Sarkomeren

Vereinfacht dargestellt läuft die Muskelkontraktion folgendermaßen ab:

  • Die Reizübertragung an der Muskelendplatte (auch „Motorische Endplatte“) gibt das Signal, dass eine Kontraktion stattfinden soll.
  • Damit der Reiz erfolgreich übertragen wird, müssen Nervenzellen kurzzeitig in einen aktiven Zustand (Aktionspotenzial) gebracht werden. Anschließend kehren sie in den inaktiven Zustand (Ruhepotenzial) zurück.
  • Der Reiz löst einen biochemischen Prozess in den Sarkomeren der Muskelfasern aus, der die Kontraktion steuert.
  • Das Eiweißmolekül Myosin (der Myosinkopf, dickes Filament) hakt sich an einem Aktinfaden (dünnes Filament) ein (Abbildung 1) und zieht ihn in den Bereichsabschnitt des Sarkomers, der als Mittellinie (oder auch „M-Linie“) bezeichnet wird (Abbildung 2).
  • Durch dieses Heranziehen verkürzt sich das Sarkomer.
  • Verkürzen sich Millionen von Sarkomeren, bewirkt dies eine Muskelkontraktion: Der Muskel zieht sich zusammen.
  • Erhält Myosin das Signal, sich vom Aktin zu lösen, entspannt sich der Muskel wieder.
  • Muskelentspannung benötigt Energie, die durch ATP (ein Energieversorgungsmolekül) bereitgestellt wird (Abbildung 3).

Genau dieser biochemische Prozess ist bei der Entstehung eines Triggerpunktes gestört.

Darstellung einer Muskelkontraktion, bei der die Sarkomere durch eine Aktin-Myosin-Überlappung zusammengezogen werden

© Blamb | shutterstock (bearbeitet)

5.3 Herkömmliches Erklärungs-Modell: Die integrierte Hypothese


Die integrierte Hypothese beschreibt die Entstehung von Triggerpunkten als eine Ereigniskette, an deren Ende die dauerhafte Kontraktion des Sarkomers steht. Aufgrund einer biochemischen Störung wird diese Kontraktion nicht mehr gelöst. Diese Hypothese ist das aktuell gängige medizinische Erklärungsmodell, allerdings gilt sie als nicht eindeutig bewiesen. Diverse Messverfahren liefern lediglich Indizien, die für ihre Richtigkeit sprechen könnten.3)

Auslöser: Trauma (Überlastung oder Fehlbelastung)

Die Überlastung oder Fehlbelastung des Muskels führt zu einer Störung an der Muskelendplatte. Diese bildet die Schnittstelle zwischen Bewegungsnerv und Muskel.

Freisetzung von ACh

Durch die Störung an der muskulären Endplatte kommt es zu einer verstärkten Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin (ACh). Dieser Botenstoff überträgt Erregungen von den Nerven an die Muskulatur. Die Nerven werden dadurch aktiviert und ein Aktionspotenzial in den Muskelzellen wird ausgelöst.

Erregungshemmung (Depolarisation)

Durch die übermäßige Freisetzung von ACh kehren die Zellen nicht mehr ins Ruhepotenzial zurück. Es kommt somit zu einer Erregungshemmung, einer sogenannten Depolarisation.

Freisetzung von Kalzium (C++)

Die Depolarisation führt zu einer übermäßigen Ausschüttung von Kalzium (C++).

Dauerhafte Kontraktion der Sarkomere

Das übermäßige Kalzium sorgt dafür, dass die Sarkomere kontrahiert bleiben. Sarkomere können nicht entspannen, solange Kalzium vorhanden ist.

Kompression der Gefäße

Die dauerhafte Kontraktion der Sarkomere sorgt wiederum dafür, dass auch die benachbarten Kapillare dauerhaft zusammengepresst werden. Dadurch gelangt über sie kein Sauerstoff mehr ins Muskelgewebe.

Lokale Ischämie

Die Kompression der Kapillare führt zudem zu einer mangelhaften Blutversorgung, wodurch eine lokale Ischämie (also eine lokal begrenzte Blutunterversorgung) entsteht.

Energiekrise

Die permanente Myosin-Aktin-Überlappung (der Überlappungsgrad zwischen Aktin- und Myosinfäden bestimmt unter anderem die Stärke einer Kontraktion) verbraucht viel Energie. Gleichzeitig führt der Sauerstoffmangel dazu, dass die zur Muskelentspannung benötigte Energie nicht mehr bereitgestellt werden kann. Es kommt zu einer Energiekrise. Dieser Umstand führt zusammen mit der gehemmten Kalzium-Aufnahme zur Aufrechterhaltung der Kontraktion.

Freisetzung von Schmerz-Botenstoffen

Die lokale Ischämie resultiert in einer Freisetzung neurovasoaktiver Substanzen. Vasoaktiv sind Substanzen, wenn sie einen Einfluss auf den Gefäßtonus ausüben. Sie können zum Beispiel dafür sorgen, dass sich Gefäße erweitern oder zusammenziehen. Diese Substanzen erregen die Nozizeptoren (also Nervenfasern, die für die Übertragung von Schmerzsignalen zuständig sind) und bewirken damit die Freisetzung von Schmerz-Botenstoffen.

Schmerz entsteht

Durch die Freisetzung der Schmerz-Botenstoffe verspürt der Betroffene nun Schmerzen. Die lokale Ischämie schädigt zudem weiterhin die muskuläre Endplatte und hält gemeinsam mit anderen Faktoren des hier beschriebenen Prozesses die Dysfunktion aufrecht.

Die integrierte Hypothese beschreibt die Triggerpunkt-Entstehung also als Teufelskreis, in dem die auslösenden Faktoren (im Wesentlichen die Energiekrise) zugleich auch die sind, die das Problem dauerhaft aufrechterhalten. Herkömmliche Triggerpunkttherapien zielen deshalb darauf ab, Faktoren zu beseitigen, die den Teufelskreis auslösen — beispielsweise indem die Blutversorgung im betroffenen Muskelgewebe durch Massagetechniken verbessert und die Energiekrise so beendet wird.

Modell der integrierten Hypothese zur Entstehung von Triggerpunkten

5.4 Schwächen der herkömmlichen Perspektive


Wie bereits erwähnt, wird die Entstehung von Triggerpunkten bis heute kontrovers diskutiert. Die integrierte Hypothese gilt als Standardmodell, allerdings sind die physiologischen Abläufe, die sie beschreibt, bis heute nicht eindeutig geklärt.

Nach mehreren Jahrzehnten in der Behandlung von Bewegungsschmerzen haben wir einen etwas anderen Blick auf die Entstehung dieser Schmerzen — und damit auch auf solche, die mit Triggerpunkten einhergehen. Daraus ergeben sich folgende Schwierigkeiten mit Blick auf die herkömmliche Perspektive:

  • Schmerz und Schmerzursache werden gleichgesetzt (die Energiekrise macht den Schmerz),
  • Die Schmerzentstehung wird auf strukturelle Abnormitäten zurückgeführt (lokale Ischämie, Sauerstoffmangel (Hypoxie), Myosin-Aktin-Überlappung).
  • Viele Triggerpunkttherapien setzen konsequenterweise primär an der Veränderung der körperlichen Struktur an (zum Beispiel durch Triggerpunktmassage).

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